Die schwarze Spinne

Chillen mit Gotthelf
«Die schwarze Spinne» als Freilichtaufführung

Von Daniele Muscionico

Das hätte man nicht gedacht: Jeremias Gotthelfs «Schwarze Spinne» ist ein Stück zur Gegenwart. Das Theater Kanton Zürich serviert es mit einem «Bacardi Feeling».

Ein Schrei, entsetzt und jäh. Der Himmel ist klar, der Schrei spitz, der Mond auf einmal blasser. Der Schrei aus Reihe zwei hallt nach. Und er ist begründet. Sprang hier nicht und kriecht dort nicht dieses Etwas, das eine Spinne sein muss? Schossen mit der letzten Handbewegung der Schauspieler nicht furchtbar fruchtbare Spinnenkinder wuselig wimmelnd von der Bühne in den Zuschauerraum?

Das Theater Kanton Zürich verbreitet ein Virus, und es ist nicht das übliche, der Erreger Theater. Der neue virale Aktivposten der Wanderbühne ist Elias Perrigs Freilichtinszenierung nach Jeremias Gotthelfs Novelle «Die schwarze Spinne». Die überraschende Beigabe: Die Autorin Dagrun Hintze stellt Gotthelfs Biedermeier-Opulenz auf den schlanken Fuss von zeitgenössischem Theater. Ihre Fassung verzichtet auf Ritterrüstung und fährt dem Publikum mit den Waffen der Unmittelbarkeit ins Hirn.

Mit Gotthelfs böser Saat im Gepäck wird das Theater Kanton Zürich in den nächsten Wochen im Kanton touren. «Die schwarze Spinne» auf öffentlichen Plätzen wird nicht zu übersehen sein – und die Publikumsreaktion nicht zu überhören.

Chill-Faktor positiv

In Elias Perrigs feinziselierter und musikalischer Regie und mit Hintzes bis auf den Kern ausgelösten Vorlage wurde an der Uraufführung in Zollikon aus dem Berner Pfarrer ein hipper Gegenwartsautor. Das kleine, grossartig aufgelegte Team spielte sich frei in einem Well-made-Play. Es ist kein Sakrileg, wenn die Darsteller etwa zum Text von Kate Yanai «Bacardi Feeling» summen. Die Gotthelfsche Gesellschaft ist auch jene, die am italienischen Ferienstrand neben Flüchtlingsleichen chillt.

Diese Dorfgesellschaft allerdings ist lediglich in Gedanken unter Palmen. Man lebt unter der Tyrannei der Mächtigen, die Not soll ein Pakt mit einem Fremden lindern. Auch Christine, die sich als Einzige traut und sich für die Gemeinschaft einsetzt, ist eine Zugewanderte; doch kaum geht ihre Absicht schief, wird sie wieder zur Unperson erklärt. Gotthelf schrieb mit seiner Novelle «Die schwarze Spinne» eine Science-Fiction. Denn nach dem Pakt mit dem Grünen und dem Kuss rächt sich die vom Dorf verratene Frau. Aus dem teuflischen Nest ihrer geküssten Wange verbreitet sie ein tödliches Virus, Spinnen.

Einsam unter Memmen

Bei Perrig werkelt das Gotthelf-Volk leistungsorientiert in der Holzwerkstatt von Beate Fassnacht. Hier kommt das Taufwasser abwechselnd aus einer Pulle Alkohol und einer Mineralwasserflasche. Nils Torpus spielt den Pfarrer, ist aber ein komisches Hasenherz. Und wenn der verheissungsvolle Fremde auftritt (unberechenbar bei Michael von Burg), ist er der Gigolo von anderswo. Er verdreht Christine den Kopf, verständlich, die lokalen Männer sind laue Memmen. Was wäre dieses Stück ohne starke, unabhängige Frau? Bei Katharina von Bock ist sie bestens aufgehoben.

Christines Spinnen, die das Theater Kanton Zürich freisetzt, breiten sich aus in den Handtaschen, Hosentaschen, in der Hochfrisur des Publikums und wandern so ein in unser Zuhause. Sie infiltrieren unsere Gedanken, und die führen zum Schluss: Die Spinne mag die Metapher für einen Tabubruch sein, für einen schleichenden Wertezerfall und Prozess in einer Gesellschaft, die es etwa legitim findet, in Europa neue Mauern zu errichten.

Gotthelfs Menschen konnten leicht auf Mauern verzichten, ihnen half noch Gott. Bei Perrig gibt es diese Hoffnung nicht mehr. Dafür besteht der berechtigte Verdacht, dass eine «Schwarze Spinne» zum viralen Sommerhit wird. Auch wenn das Vergnügen gottlos ist.

© Neue Zürcher Zeitung, 19. Mai 2017

Homevideo

Mobbing bis zum Tod
Das Theater Kanton Zürich mit «Homevideo»

Von Daniele Muscionico

«Homevideo» verhandelt Cybermobbing unter Jugendlichen, als Fernsehfilm wurde das Stück mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Das Theater Kanton Zürich entdeckt es nun für die Bühne – ein Stoff mit Erschütterungspotenzial.

Jugendliche leben in einer anderen Welt, in ihrem digitalen Universum. Das muss nicht sein, kann aber. Und dann, was tun? Das Thema Medienkompetenz von Minderjährigen hat auch der Bundesrat erkannt und dazu eine nationale Plattform eingerichtet. Einer der ersten deutschen Fernsehfilme dazu war 2011 «Homevideo» nach dem Drehbuch von Jan Braren, ein mit allen wichtigen Preisen ausgezeichnetes Jugenddrama über Cybermobbing. Ein intimes Video eines 15-Jährigen wird von Schulkollegen ins Netz gestellt, dort beginnt eine Hetze, an der er schliesslich zerbricht.

Nun hat der Leiter des Theaters Kanton Zürich (TZ), Rüdiger Burbach, die Theaterfassung als Schweizer Erstaufführung eingerichtet – ein unangefochtenes Glück. Glücklich ist man gegen alle ersten Bedenken, dass das alte Handwerksgeschäft des Theaters auf dem Territorium der Digital Natives eine reizlose Verliererin sei. Nicht hier, im Gegenteil!

Im digitalen Darkroom

Der kurze, kompakte Abend macht stumm, denn er ist selten intensiv, realistisch und hautnah. Der Clou der Sache: Burbach hat sich den perfekten Cast auf die Bühne geholt. Neben den eindringlichen TZ-Stützen Katharina von Bock und Stefan Lahr spielen Schauspielstudierende des dritten Jahrgangs der Zürcher Hochschule der Künste. Es sind just die Absolventen der Klasse, die auch vom Schweizer Fernsehen in der Langzeitdokumentation «13 Schauspielschüler» begleitet werden. Auch Burbach hat die jungen Menschen seit längerem auf dem Schirm und hat diese erste Zusammenarbeit des TZ mit der Schule initiiert.

Sie sind es, die jungen Hauptdarsteller, die «Homevideo» zur gnadenlosen Coming-of-Age-Story machen. Im digitalen Darkroom verschwimmen die Grenzen zwischen privat und öffentlich. Wie sich orientieren, wie erwachsen werden? Die digitalen Medien als beste Freunde, die Pubertät als schlimmster Feind, es ist eine besondere Form des Wahnsinns, der sich im klaustrophobischen Bühnen-Bunker-Bau von Beate Fassnacht hochpeitscht. Keiner und keine ist hier noch Herr seiner Sinne und seines Körpers.

Es müssten die Eltern des Opfers Jakob (Silvio Kretschmer) gar nicht so an ihrem Haussegen sägen. Jakobs Mutter will eine lesbische Liebe ins Auge fassen, die Bühnenfassung von Can Fischer ist eindeutig genug. Fischer war zur Erstaufführung angereist, sichtlich angetan. Und es dürften die jungen Frauen in ihren Kapuzenjacken das Girlie-Getue und ihre körperlichen Hemmungen gerne zurückhaltender ausspielen. Allein die Konstellation, wie den schmalen, innerlichen Jakob seine dicke, äusserliche Hose überfordert, ist ohne viel Trara ein Bild, das unter die Haut geht.

Clash der Generationen

Burbach setzt auf Tempo, Timing, die beiden Schauspielergenerationen fliegen wie unter Strom mit – ein schöner Kontrast, wenn Kretschmer immer stummer wird und seine Hilflosigkeit, was denn mit seinem verpfuschten Leben nun anzufangen ist, still in sich hineinschreit. Auf seinem Handy herrscht Krieg. Die virtuelle Nachricht ist eine reale Waffe.

«Homevideo» ist hier ein Stück für alle Generationen. Und es scheint das richtige im richtigen Moment, die Nachfrage nach Aufführungen vonseiten der Berufsschulen wie der Gymnasien war bereits vor der Premiere grösser als das Angebot an Vorstellungen. Dass auch Erwachsene die Inszenierung mit Gewinn besuchen, steht ausser Frage. «Homevideo» schürt Verständnis im Clash der Generationen. Dies glückt mit wenigen Theatermitteln, aber mit den einzig entscheidenden, mit starken Schauspielern.

© Neue Zürcher Zeitung, 24. März 2017

Malaga

Wilder Künstler, ängstliche Spiesser
In «Malaga» von Lukas Bärfuss lässt die Freiheit des Künstlers das bürgerliche Sicherheitsdenken kentern. Das Theater Kanton Zürich bringt die Offenheit des Stückes genau auf den Punkt.

Von Helmut Dworschak

Ein Paar kurz vor der Scheidung, er ist schon ausgezogen. Ein Vaterwochenende steht bevor. Aber er will an einen Kongress in Innsbruck und sie nach Malaga. Und zwar mit Paul, ihrem neuen Freund, der auch schon im früheren Ehebett schläft. «In unserem Bett», sagt Michael (Andreas Storm). «Es ist nicht mehr dein Bett», sagt Vera (Simone Stahlecker). Rebecca, die gemeinsame Tochter, ist sieben.

Und die Babysitterin, die bei dieser Lage der Dinge gewöhnlich einspringt, ist krank.«Malaga», das 2010 uraufgeführte Schauspiel von Lukas Bärfuss, beginnt mit einem Seilziehen. Wer kümmert sich um die Tochter, das Überbleibsel ihrer verblichenen Leidenschaft? Beide haben ihre eigenen Interessen, die sie nun – «endlich» – ausleben möchten.

Der rasante Dialog, den Bärfuss den beiden Figuren in den Mund legt, ist voll von Phrasen und Gründen, die sehr, sehr vernünftig und nachvollziehbar scheinen. Und doch wird man den Eindruck nicht los, dass es eigentlich immer um etwas ganz anderes geht und man nichts von dem, was hier gesagt wird, wörtlich nehmen sollte. Schneidend die Logik der Frau, die doch im Grunde hilflos ist, lächerlich die Versuche des Mannes, sich die entglittene Macht zurückzuholen.

Die Statistik warnt vor Alex

In das Gefecht um eine verflossene Liebe mit ihren unerfüllt gebliebenen Wünschen dringt nun ein Fremdkörper ein: Alex, der 19-jährige Nachbarssohn, den Vera als Ersatz für die kranke Babysitterin organisiert hat (Nicolas Batthyany). Dass ihr Michael dafür nicht dankbar ist, sei typisch für ihn, findet Vera mit Bitterkeit.

In der Tat, Michael macht Vorbehalte geltend. Steigende Jugendkriminalität, zunehmender Tablettenkonsum, generell wachsende Unzuverlässigkeit, warnt die Statistik, sagt Michael. Dazu die Tatsache, dass sich Alex überhaupt für Rebecca interessiert, für ein Kind: kein gutes Zeichen. Eigentlich müsste er sechsmal am Tag onanieren, altersgerechte Interessen wären Alkohol und laute Musik.

Das ist alles drastisch zugespitzt, aber im Grunde sind es Vorbehalte, die wir alle haben müssten, würden wir die subtilen Normierungs-Kampagnen ernst nehmen, die Tag für Tag auf uns niederregnen.

Kann man Alex trauen? Alex muss zum Vorstellungsgespräch, zuerst bei Vera, dann bei Michael. Hier der coole Alex, Prototyp des Künstlers, der bald zum Filmstudium nach New York geht. Dort Mama und Papa, die Spiesser mit ihrem Bedürfnis nach Sicherheit (»nicht zum See», «kein Alkohol», «Rebecca geht um neun ins Bett», «schaffst du das?»). Es sind Klischees, aus denen Bärfuss seine Figuren baut. Aber sie funktionieren, denn er baut sie so zusammen, dass alles zu schweben beginnt.

Wir bleiben auf Distanz und sind doch betroffen, weil etwas darin das Leben in der Wohlstandsgesellschaft ins Mark trifft. Die Konfrontationen mit Alex sind die stärksten Szenen des Stücks und auch in dieser Inszenierung, nicht zuletzt dank der souveränen Präsenz, die Nicolas Batthyany seiner Figur verleiht und die für die Freiheit steht, die, wenn sie realisiert würde, ein anderes Leben ergäbe als diese kleinräumige Existenz, die sich für ein Genuss-Wochenende nach «Malaga» oder in die monströse Wichtigkeit von «Innsbruck» flüchten muss, um sich ein wenig lebendig zu fühlen.

Mehrdeutig bis zum Schluss

Alex bekommt den Job und holt nebenbei auch noch ein mehr als doppelt so hohes Honorar heraus. Schnitt – am Sonntagabend liegt Rebecca im Spital. Über das, was dazwischen passiert ist, gibt es nur Andeutungen. Klar ist: Rebecca ist kein unschuldiger «Engel», wie ihre Mutter meint und wie wohl viele ihre Kinder gerne sehen würden.

Der Künstler und das Kind, sie stehen für eine ursprüngliche Regellosigkeit und Unangepasstheit und bringen damit die Titanic des Sicherheitsdenkens zum Kentern. Dazu, als Intermezzi zwischen den Szenen, die eindringlichen Kommentare von Omri Ziegele auf seinem Saxophon. Sie sind ein mehrdeutiges Symbol: Der Jazz, diese nach Rausch und Selbstverwirklichung strebende Kunstform, die fragwürdig und schillernd bleibt, gerade wenn man sie ernst nimmt.

In der Inszenierung des Theaters Kanton Zürich im Theater Winterthur (Regie: Tilo Nest, Bühne: Monika Frenz) steht auf der intimen Hinterbühne eine weitere Bühne in Form eines niedrigen weissen Podests, das den Spielcharakter verdeutlicht. Der Raum darum herum ist schwarz, hoch und leer. Und diese Offenheit bringt die entscheidende Qualität dieses Stückes, das wie eine hingeworfende Skizze wirkt, mit ausgezeichneten Darstellern genau auf den Punkt.

Obwohl es auf Allgemeinplätze baut, behält es diese Offenheit bis zum Schluss bei. Weder erfahren wir, was sich am Wochenende genau abgespielt hat, noch ergibt das gesamte Geschehen zum Schluss hin einen eindeutigen Sinn, von einem moralischen Urteil ganz zu schweigen. Jeder, der das Stück gesehen hat, wird die Fragen, die es stellt, anders beantworten. Alex, voreilig zum Täter erklärt, dreht im abrupt wirkenden Ende auf und zeigt das gewalttätige Potential, das auch in ihm steckt. Ein Ende, das provoziert und zum Nachdenken herausfordert.

© Der Landbote, 23. Februar 2017

Der Revisor

«Der Revisor» und die Hysterie der Korruption

Von Christoph Schneider

Die Korruption, deren Voraussetzung die natürliche Korrumpierbarkeit ist, ist bekanntlich zeitlos und global und wohl auch gendertheoretisch volatil. Weshalb vermutlich in Felix Praders zügiger Inszenierung von Nikolai Gogols Komödie «Der Revisor» (1836) fürs Theater Kanton Zürich der Revisor aus Moskau oder die Person, welche alle, die Dreck am Stecken haben, dafür halten, eine Revisorin ist. Sie heisst jetzt Chlestakowa (bei der Premiere: Miriam Wagner) und kann sich die Lebenshaltung, auf der sie auf Reisen besteht, gar nicht leisten. Der Inhaber jenes russischen Provinzhotels, wo sie auf ihren unbezahlten Rechnungen hockt, serviert ihr grad noch ein Wassersüppchen. Und das ist nun bei Gogol der miserable Existenzgrund, auf dem der Hexenkessel der provinzbürgerlichen Verkommenheit steht, von dem der Deckel gehoben wird.

Es muss dann nur noch eine kleine Dosis Missverständnis hineingeträufelt werden, und die sonst ruhig vor sich hin gärende Verderbtheit schäumt auf, und Stadthauptmann, Bezirksrichter und Armenspitalvorsteher und überhaupt alle, bei denen die eine Hand immer friedlich die andere gewaschen hat, sind sich jetzt selbst die Nächsten im Umgang mit dieser Revisorin. Die nimmt gleich, was man ihr bietet, Geld, Kost und Logis, noch bevor sie eigentlich weiss, wie ihr geschieht. Das liegt eben, wie ein Dichter einmal sagte, nicht nur in der Natur der Sache, sondern auch in der Sache der Natur.

«Der Revisor», ein Klassiker, ist ein Stück, dessen gesellschaftskomödiantischer Realismus schon ans absurde Theater rührt. Die Grundstimmung ist die Hysterie, besonders in Praders auf die Korruptionsessenzen eingekochter szenischer Fassung. Der originale Personenreichtum wurde darin quasi reduziert aufs maximale Minimum, und da kommt es zu einer Art wilder Trance der Bestechung und Bestechlichkeit, der Verhüllung und Enthüllung (buchstäblich im Bühnenbild von Anja Furthmann) und des Lügens und Trügens. Das hat Logik und Schärfe und übersteht auch die Anachronismen einer heutigen Interpretation und den Sprung von Gogols Kutschenzeit, in der noch verarmte Witwen ausgepeitscht wurden, in die Zeit des Porsches, von dem hier einmal die Rede ist. Und logisch geschärft und glaubwürdig in die Absurdität geführt wirds von einem hervorragenden Ensemble, neben Miriam Wagner sind das: Katharina von Bock, Judith Cunéod, Nicolas Batthyany, Michael von Burg, Stefan Lahr und Andreas Storm. Die haben alle die feinste hysterische Präzision.

© Tages-Anzeiger, 17. Dezember 2016

Don Carlos

Berater

Schillers Auslegeordnung des Zusammenspiels von Macht, Loyalitäten, Ehrbarkeit und Intrigen ist sehr modern.

Von Thierry Frochaux

Alleine schon anhand des sich zunehmend verändernden Gesichtsausdrucks von Stefan Lahr als Philipp II. über die gesamte Spieldauer in der Inszenierung von Rüdiger Burbach widerspiegelt sich die ganze Dramatik des Stücks. Seine Absicht, die Macht zu erhalten, ist vergleichsweise genau so aufrichtig wie die Liebe seines Sohnes Don Carlos Nicolas Battyany zu seiner früheren Versprochenen und heutigen Stiefmutter Elisabeth (Miriam Wagner) und derer vernunftbasierten Besinnung auf ihre Rolle als Regentin. Das Problem sind – und hier liegt neben der Selbstsucht als treibende Motivation das Moderne – die Berater: Die Spitze teilen sich Katharina von Bock als Prinzessin von Eboli und Peter Jecklin als Herzog von Alba, gefolgt von den opportunistisch herausragenden Begabungen von Andreas Storm als Beichtvater des Königs und Daniel Hajdu als Graf von Lerma. Der jugendliche Kampfgeist, gepaart mit Idealismus und einer fürwahr hehren Absicht, obliegt neben Don Carlos vor allen anderen dem eigentlichen Revolutionär Marquis de Posa (Michael von Burg), der seinen jugendlichen Enthusiasmus indes teuer bezahlt.

Die opulente Kostümierung konstrastiert mit den grauschwarzen Monolithen des Bühnenbildes (Beate Fassnacht), die sich stimmig umformen lassen, aber ein wenig sehr viele Umbauten nötig machen. Diese eher einem Filmset gemäss gedachte Verortung der Einzelszenen bremst den Spielfluss aber nicht ausreichend, um der Inszenierung daraus einen Strick drehen zu müssen. Denn in der Hauptsache beweist einmal mehr das gesamte Ensemble des Theaters Kanton Zürich, wie herausragend es harmoniert und wie geglückt es besetzt ist, sodass mühelos jeder erdenkliche Stoff in allen Fallhöhen grösster Tragik wie Komik dermassen plausibel wie gleichwohl trefflich umgesetzt werden kann, dass er zu einer Freude für die Betrachtenden wird.

© P.S. Zürich, 27. Oktober 2016

Tartuffe

Mit wahnsinnig komischer Dämlichkeit

Das Theater Kanton Zürich zeigt während seiner Freilichttournee «Tartuffe» von Molière an sieben Spielorten im Oberland. Bei Regisseur Nicolai Sykoschs Version des Klassikers kriegt weniger der Heuchler als der Übertölpelte sein Fett weg.

Von Christina Peege

350 Jahre ist die Komödie «Tartuffe » alt – aber aktuell wie heute erdacht. Kaum fertiggestellt, sorgte sie in Versailles für einen handfesten Theaterskandal. Denn seine Majestät, König Ludwig XIV, hat das Stück nach der Premiere verboten. Wie Molière Religion als Vorwand für Machtund Geldgier inszenierte, das gefiel dem Klerus am Hof gar nicht. Molière schrieb das Stück ein wenig um, damit es dem König gefiel und er es wieder inszenieren konnte.

Als ob er geahnt hätte, dass das Thema Missbrauchspotenzial von Religion nicht aus der Mode kommen würde, hielt er an seiner Religionskritik fest, verschaffte seinem König aber einen schmeichelhaften Auftritt am Schluss des Stücks. Da hatte auch klerikale Zensur keine Chance. So richtig spannend wird es, wenn sich der für seine provokativen Inszenierungen bekannte Regisseur Nicolai Sykosch vom Staatstheater Braunschweig des Stücks annimmt.

Aber der Reihe nach.

Keine Opfer – nur Dumme

Im Haus des Bürgers Orgon hängt der Haussegen schief, denn Tartuffe hat sich darin breitgemacht. Mit seiner fundamentalistischen Frömmigkeit hat er den Hausherrn um den Finger gewickelt und terrorisiert die Familie. Der Mann ist so fromm wie skrupellos. Er ist ein Beutelschneider, denn unter dem Vorwand, für das Seelenheil Orgons zu sorgen, hat es Tartuffe lediglich auf seines Gönners Geld und dessen Gattin abgesehen. Geisselten frühere Inszenierungen die Doppelmoral des Scheinheiligen, interessiert Sykosch vor allem Orgon. «Diese Dämlichkeit des Mittelstands, einem Bauernfänger auf den Leim zu kriechen, das ist Wahnsinn », so der Regisseur auf die Frage, was er am Stück spannend findet. Fasziniert hat ihn die Ignoranz, dass sich Menschen auf Betrüger einlassen, nur weil jene erzählen, was sie hören wollen. Sykoschs Tartuffe spottet der «political correctness», weil das Opfer sich selbst in die Bredouille geritten hat. Wer Gurus, Populisten und Volksverhetzern hinterher betet, ist an seiner späteren Misere selber schuld.

Beinahe bringt der Fromme den Dämlichen am Schluss um Gut und Leben. Bei Molière nun ist diese Dämlichkeit wahnsinnig komisch: «Das Stück ist eine Komödie, aber eine ganz schwarze », so Sykosch. «So schluckt das Publikum die bittere Pille der Kritik leichter», ist der Regisseur überzeugt.

Die Lüge sieht jeder

Auf der Bühne inszeniert er das Stück als Wirbel von farbigen, historisierenden Kostümen. Zu Beginn tanzt die Truppe auf der Bühne und lässt es erotisch krachen. Doch der Partytrubel täuscht. Die Gesichter sind kreideweiss geschminkt, ihre Augen schwarze Flecken. Nur Tartuffe ist nicht geschminkt. Diese Maske ist kalkuliert: «Ich will zeigen, wie eine Familie in ihre Vorstellungen verstrickt ist», so Sykosch. Das Gesicht der Lüge dagegen könnte jeder auf den ersten Blick erkennen, so er denn nur wollte. Aber Orgon, der in seiner schwarzen Kluft an Nosferatu des gleichnamigen Gruselfilms erinnert, sieht nur, was er auch hören will. «Man darf nicht alles glauben, was man sieht», sagt seine ebenso fromm verblendete Frau Mama.

Wunderbare Inszenierung

Andreas Storm gibt den Tartuffe brillant, er ist zerfressen von seiner Gier, ein genialer Manipulator. Orgon mutiert vor Frömmigkeit zum zynischen Tyrannen: «Sei stark, mein Herz, nur jetzt kein Mitgefühl», sagt er, als seine Tochter im Elend zusammenbricht. Er hat ihr angekündigt, dass sie Tartuffe zur Gattin gegeben werden solle.

Und dann sind da die klugen Frauen Molières, von Sykosch wunderbar inszeniert, mit Herz, scharfem Verstand und noch schärferem Dekolleté. Wie sie dem Verblendeten die Augen öffnen und ihn so vor dem Abgrund und dem Verlust von Geld und Würde bewahren, ist herrlich komisch. «Der Theaterbesucher soll sich in erster Linie gut unterhalten », so Sykosch zu seiner Inszenierung.

Aber er versucht infrage zu stellen. «Ist alles so sicher, woran ich geglaubt habe?» Wenn sich der Theaterbesucher diese Frage stelle, so habe er etwas erreicht, sagt er.

© Zürcher Oberländer, 31. Mai 2016

Dinner für Spinner

Nur eine falsche Bewegung und alles geht aus dem Leim

Ein absoluter Weltklasse-Obertrottel setzt sich in Szene. Das Theater Kanton Zürich zeigt Francis Vebers Komödie «Dinner für Spinner». Sie macht grosses Spass.

Von Stefan Busz

Er will sich die Welt nachbauen, mit allem Drum und Dran. Den Eiffelturm hat er schon gemacht, den Invalidendom auch, dazu den Taj Mahal und die Golden Gate Bridge. Sein Baustoff, das sind aber Streichhölzer, und sein Kitt ist der Leim – Leben ist für François Pignon Kleben. Ausser seinem Hobby interessiert er sich für nichts. Was ihn natürlich zum idealen Idioten macht. Solche Idioten aber braucht die Welt. Spinner machen die Welt besser – für all die anderen. Denn auf sie kann man mit dem Finger zeigen: Schau, welch ein blöder Mensch! Da sieht man selber viel weniger idiotisch aus. Also lädt Pierre Brochant, ein Verleger, François Pignon zum Dinner mit Freunden ein. Der Abend ist so eine Art Wettbewerb: Wer den grössten Idioten mitnimmt, gewinnt.

Ein grosses Spielwerk

Ein Mann, der die Golden Gate Bridge aus 346422 Zündhölzern zusammensetzt, ist in Sachen Idiotie natürlich nicht zu toppen. Glaubt Brochant. Und ist doch selber das grösste Arschloch. Pignon vs. Brochant steht für den Zusammenstoss konstruierter Welten. Und da braucht es nicht viel, dass sie aus dem Leim gehen. Das ist die Ausgangslage für «Dinner für Spinner» des Franzosen Francis Veber, der schon so schöne Sachen wie «Der grosse Blonde mit dem schwarzen Schuh» und «Ein Käfigvoller Nar-ren» geschrieben hat. Das Drama ist seine Sache nicht, zu unserem Glück. Denn Lachen ist gesund, hat schon Bundespräsident Johann Schneider-Ammann gesagt.

Felix Prader, ein Spezialist für das Offenlegen von gesellschaftlichen Komplikationen («Der Gott des Gemetzels»), hat nun die Komödie, die auch schon Filmstoff war, für das Theater Kanton Zürich inszeniert. Premiere war am Donnerstag, das Publikum hatte seinen grossen Spass – wie auch die Schauspielerinnen und Schauspieler. Und: Das grosse Lachen wird das Stück auf seinem Weg von Spielstelle zu Spielstelle begleiten.

Denn das Theater Kanton Zürich führt vor, wie Komödie funktioniert. «Dinner für Spinner» ist ein grosses Spielwerk, das Felix Prader mit Witz und Präzision in Szene setzt. Ein Rädchen greift da ins andere, aber es geht nicht alles seinen normalen Gang. Denn die Unruh, die das Werk regulieren könnte, ist schnell mal draussen und kann nicht wieder eingesetzt werden. Immer schneller dreht sich die Geschichte.

Und das alles wegen eines Hexenschusses. Denn Verleger Brochant, der den Idioten Pignon eingeladen hat, ist am Tag des Dinners immobil, es zwickt ihm im Rücken. Und Pignon tut alles, dass es seinem Gastgeber besser geht. Er scheitert aber in jeder Hinsicht. Denn das Leben ist keine Zündholzkonstruktion.

Das liebe Monster

Es sind die grossen zwei Stunden für Andreas Storm, der diesen Pignon spielt – und wie er das macht, ist grossartig. Aus dem scheinbaren Idioten Pignon wird ein liebes. aber recht unbeholfenes Monster in Beige – treffend sind die Kostüme von Jessica Karge, samt Wollstrümpfen für den Spinner. Allen will der Mann beistehen – und bringt doch alle bald um den Verstand – und noch mehr.

Bilder weg, Frau weg, Geliebte weg: Das ist die Bilanz des Verlegers Brochant nach dem Einbruch der grossen Einfalt in seiner Küche – Siegmund Tischen-dorf gibt ihn von arrogant bis leidend. Mit in diesem tollen Spiel, neben Alexander Peutz als Freund: Katharina von Bock in einer Doppelrolle von Brochants Frau und Geliebten; herrlich, wie sie die unterschiedlichen Farbig keiten der Figuren zeichnet. Stefan Lahr ist Arzt und, ganz besonders: ein umwerfender Finanzkontrolleur. Grosser Applaus.

© Der Landbote, 12. März 2016

 

 

Max Frisch: HOMO FABER

Walter wird weich

Theater Kanton Zürich mit Max Frischs Schulklassiker

Von Michael Graf

«Homo Faber» funktioniert auch auf der Bühne. Die Hermes Baby gibt die Erzählerin. Eine Premierenkritik mit Spoiler.

Als der jüngste «Star Wars»-Teil in die Kinos kam, wurde die Angst vor sogenannten Spoilern regelrecht zelebriert. Wer das Ende ausplauderte, war sich der Ächtung seiner Freunde sicher. Wenn das Theater Kanton Zürich «Homo Faber» auf die Bühne bringt, muss sich der Premierenbesucher keine Sorgen machen. Jeder Gymnasiast kennt die Pointe.* Trotzdem war der Saal voll.

Die Spannung steckte nämlich weniger in der Handlung als in der Frage, wie sich diese Tagebucherzählung voller Rückblenden und innerer Monologe auf der Theaterbühne bewähren kann. Ulrich Woelk hat es gewagt. Der Berliner Autor, ein promovierter Physiker wie die Hauptfigur Walter Faber, hat das Stück für das Theater Kanton Zürich adaptiert (Regie: Rüdiger Burbach).

Was für ein Zufall!

Wenige Minutendarf der Unesco Ingenieur Faber (Stefan Lahr) seine Lieblingsrolle spielen, den rationalen Mann von Welt. Als über dem Golf von Mexiko die Turbine versagt, blickt er nicht einmal von seiner NZZ auf. «Maschinenfallen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit aus», erklärt er ungerührt seinem panischen Sitznachbarn Herbert Hencke (Andreas Storm), der mit der Grazie eines Truthahns versucht, die Schwimmweste überzuziehen.

Wie von Faber berechnet, erreicht die Maschine das Festland Punkt für ihn. Dann fällt das zweite Triebwerk aus, die Maschine muss notlanden. Punkt für – nun ja, wen eigentlich? Das Schicksal? Doch das ist nur der Anfang. Denn Hencke entpuppt sich als Bruder von Fabers Jugendfreund Joachim. Der wiederum Fabers Ex-Verlobte Hanna heiratete. «Was sagt Ihre Wahrscheinlichkeitsrechnung dazu?», lacht Hencke.

Die Schreib- als Zeitmaschine

Autor Woelk befördert Fabers unverzichtbare Schreibmaschine in die Erzählerrolle. Per Projektion rattert die Hermes Baby die Eckdaten aufs kahle Bühnenbild: «25. März 1957. Houston, Texas. Am Flughafen.» Das ist etwas penetrant, aber exakt und effizient, zwei Tugenden, die auch Faber hochhält. Innert Sekunden wechseln wir nach Zürich im Jahr 1928, wo der junge Faber seine schwangere Freundin Hanna (Anna Schinz) zur Abtreibung überreden will. Ein weiteres Rattern: Wir sind im Dschungel. Und ratternd springen wir aufs Atlantikschiff, wo Faber auf der Flucht vor seiner abservierten amerikanischen Flamme Ivy (Miriam Wagner) auf die junge Sabeth trifft, der er bald einen Antrag machen wird (ebenfalls gespielt von Anna Schinz, die derzeit auch als Tante Dete im «Heidi»-Film zu sehen ist).

 Woelk hat das Stück in den Fünfzigerjahren belassen. Das ist in Ordnung, denn in der Gegenwart ist Fabers Weltbild so omnipräsent, dass es kaum auffiele. Lautes Wiedererkennungslachen erntet aber auch der Zürcher Beamte, als er der Halbjüdin Hanna erklärt, sie müsse nach Nazideutschland zurück. «Die Schweiz ist ein kleines Land, wir können nicht alle aufnehmen.» Hier scheint das Feindbild im Saal klar. Wenn Faber sich aber die Abtreibung seines Kindes als Akt der Vernunft schönredet oder vor der ungebremsten Vermehrung der Araber warnt, wenn sie nichtmehr durchschlechte Hygiene dezimiert würden, ist es stiller im Saal. Man ist ganz froh, dass das Stück nicht in die Gegenwart verlegt wurde.

Fabers Weltsicht, in der Körper und Geist unperfekte Maschinen sind und Beziehungen die lästige Folge einer biologischen Notwendigkeit, kollidiert mit der seiner Frauen, vor allem von Hanna (Katharina von Bock), die ihn genauso wenig versteht wie er sie. Ein Happy End bleibt nur schon darum versperrt. Der Weg führt nach innen: Konfrontiert mit seiner eigenen Sterblichkeit, findet Faber im Schreibprozess eine Möglichkeit, Rechtfertigung abzulegen über das Irrationale in ihm, das er immer negiert hat. Gefühle. Angst. Schuld. Liebe. Walter wird, in eigenen Worten, weich. Und die Hermes Baby protokolliert es minuziös.

* Faber verliebt sich, unwissentlich, in die eigene Tochter.

© Der Landbote, 23. Januar 2016

Der Goalie bin ig

Der Goalie spricht jetzt Züritüütsch

Von Alexandra Kedves

Zürich, Rigiblick - Es ist eins dieser Bücher, die über der Literaturszene aufstrahlen wie ein Komet und einen langen Schweif hinter sich herziehen: einen Schweif aus Deutungen, Ehrungen und Übersetzungen in andere Medien. Die Romanverfilmung von Pedro Lenz «Der Goalie bin ig» holte letztes Jahr den Schweizer Filmpreis; und auch auf der Bühne sah man die Geschichte über den Ex-Knasti aus der helvetischen Provinz, den alle Goalie nennen, schon. Nun geht das Theater Kanton Zürich damit auf Tournee.

Da schiebt der Goalie im Hausmeisterkittel einen Besen und sein Genöle vor sich her und tippt im Vorbeigehen ein Donnergrollen aus dem Synthesizer oder ein Horrorsirren. Denn er ist ein Geschichtenerzähler mit Sinn für Atmosphäre - und Selbstironie. Mal kauert ein angedeutetes Lächeln im Mundwinkel wie in die Luft gezeichnete Gänsefüsschen; mal hebt ein Achselzucken den Ernst aus der Story hinaus. Und imitiert er andere in dieser Rückschau auf sein Leben, das in den ersten 33 Jahren von einem Rückschlag in den nächsten stolperte, dann ist das so treff- und pointensicher gemalt in seinem Understatement, dass der Zuschauer einfach lachen muss.

Ein Bravo auf den 1982 in Zürich geborenen Nicolas Batthyany! Er hält den Besucher meist bei der Stange in dem 75-minütigen Monolog um Geldprobleme und einen verpatzten Drogendeal, falsche Freude und eine abverheiti Liebe - den er übrigens reibungslos aus Lenz Berndüütsch ins Züritüütsch übersetzt. Die 34-jährige Zürcherin Johanna Böckli, die hier ihr Regiedebüt gibt, hielt sich klug zurück; sie akzentuiert Batthyanys Rezitativ mit elektronischen Einwürfen und kleinen illusionistischen Zitaten wie einer Bierflasche. Dass Bühnenbildner Beni Küng eine schiefe Ebene von jener schiefen Bahn sprechen lässt, auf der sich Goalie befindet, wär fast schon zu viel, käme diese nicht so geschmeidig als Bühne auf der Bühne zum Einsatz. Eine sehenswerte Feier des Menschen als Homo narrans.

© Tages-Anzeiger, 1. Dezember 2015

Endstation Sehnsucht

Geliebte Lügner

Von Daniele Muscionico

Das Theater Kanton Zürich zeigt Tennessee Williams' Stück «Endstation Sehnsucht». Die Inszenierung thematisiert den ganz normalen Eskapismus.

Das geht gar nicht, denkt man sich noch – und sitzt schon in der Falle. 120 Minuten sitzt man dort, klipp, klapp, Türen zu. Und man sitzt fest, in einer Theaterinszenierung, die so qualvoll sein könnte, wie nur schlechtes Theater eine Qual sein kann. Theater, das die Dummheit begeht, sich mit Hollywood anzulegen. Und dort mit Gott persönlich, mit Marlon Brando in Tennessee Williams' Stück «A Streetcar Named Desire» (1947), bekannt als cineastische Heulboje in der Regie von Elia Kazan.

Doch Brando gibt es nicht, nicht auf der Bühne des Theaters Kanton Zürich, nicht in dieser Inszenierung von Barbara-David Brüesch. Die Darstellung real existenter Kotzbrocken von Brandos Format überlässt die Regisseurin dem richtigen Leben. Die Geschichte, die sie erzählt, ist getreulich jene von Williams, mit Videos aufgepimpt für die Generation 2.0: Im dumpfen Südstaaten-Milieu kollidiert die Macho-Haltung des polnischen Einwanderers Stanley Kowalski mit den Phantasien und Lügen seiner Schwägerin, der Ex-Aristokratin Blanche DuBois, die den Verlust ihrer Welt in Alkohol und Sex ertränkt.

Nicolas Batthyany spielt seinen Stanley ungebrochen viehisch. Er verprügelt seine Frau so uninspiriert, dass man nicht versteht, wie es die kluge Stella, die Miriam Wagner wie einen Kinderengel gibt, mit diesem Typen nur eine Bühnenminute lang aushält. Was findet sie überhaupt an ihm? Ausser gutem Sex? Und so gehen die ersten Bilder eines hysterisch angestimmten Abends dahin, man feiert bis zur Bewusstlosigkeit Party, und der Partykeller ist die miefig enge Zweizimmerwohnung der Kowalskis. Die Küche von Corinne L. Rusch, in der sich Stanley mit Freunden zu Bier und Poker trifft, hat die Grösse, die Familien heute ihrer Mikrowelle zubilligen. Dann aber wankt sie ins Bild und in die Kombüse, aus der schwarzen Nacht und dem offenen Bühnenhintergrund – Blanche DuBois, gespielt von Katharina von Bock. Mit ihr wird alles anders: tragisch, berührend, ein Fall von Weltflucht und Idealismus. Von Bock spielt grosse Gefühle und grosse Wunden, sie spielt um ihr Leben. Hier steht ein Mensch vor der hässlichen Macht des Faktischen. Das ist die Alltagsmacht zerschlagener Träume.

Mit von Bock auf der Bühne wird der Regieansatz klar: «Endstation Sehnsucht» erzählt vom ganz normalen Eskapismus, dem sich Erfolgreiche wie Erfolglose verschreiben, weil das Leben gelingen muss – ein Menschenrecht wie straffe Haut und weisse Zähne. Mit Blanche DuBois, dem It-Girl, und mit Stanley Kowalski, dem Hooligan, stehen sich zwei Verlierer aus Parallelwelten gegenüber – sagen wir, wie jeden Montag in Dresden. Oder auf dem Bubenbergplatz in Bern. Blanche, das ist aber auch die verkrachte Society-Existenz aus Vorabend-Doku-Soaps oder der abgeblätterte Star im «Dschungelcamp». Wunsch und Sehnsucht, die das Leben nicht leisten kann, leisten sich Brüeschs Menschen durch ihre Flucht ins Flache. Oder in der Flucht zur Flasche. Jedem seine Exit-Strategie, genau davon erzählt dieses Theater. Und es erzählt das mit aller hoffnungslosen Konsequenz.

Denn es gibt zwei schöne Menschen in Williams' Monsterschau. Blanche und Blanches Verehrer, Harold Mitchell. Der Schauspieler Nils Torpus spielt den höflichen Mann mit übergrosser Bewunderung für Heiligenfiguren von der Art seiner Mutter so zart wie ein frisch geschlüpftes Wesen. Unvermeidlich die Enttäuschung und schrecklich der Umschwung: Die wirkliche Blanche kann er nicht lieben, er liebt seinen Traum von ihr. Doch was wir nicht lieben dürfen, müssen wir vernichten. Wir sitzen alle im selben Wagen, weiss «Endstation Sehnsucht», dieser Theater-Trieb-Wagen von gnadenloser Aktualität.

© Neue Zürcher Zeitung, 28. Oktober 2015

 

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