Die Mausefalle

Elegant

Statt auf Spannung setzt Barbara-David Brüesch auf Spass und gewinnt. Agatha Christie als Slapstickorgie.

Von Thierry Frochaux

Eigentlich verbindet man Krimi mit Agatha Christie. Wenn aber «das am längsten ununterbrochen aufgeführte Theaterstück der Welt» auf dem Programm steht, kann davon ausgegangen werden, dass eine Mehrheit des Publikums die Auflösung von «Die Mausefalle» eh kennt. Also verlegt Barbara- David Brüesch den Krimi ins komische Fach des elastischen Körpertheaters. Michael von Burg schnüffelt über die halbe Bühnenbreite entlang mit der Nase im Teppich nacheiner Spur. Andreas Storm schwingt seinen Unterschenkel galant auf die Rücklehne deszentralen Sofas und ruht sich, mit dem Kopf auf dem darauf abgestützten Unterarm ruhend, von den Strapazen der Verdächtigungen und Befragungen aus. Katharina von Bocks Beine verselbstständigen sich ganz gegen ihren viktorianisch gestrengen Sittenwillen, wenn aus dem Radio Rock’n’Roll erklingt. Julka Duda als elegante Schönheit und Manuel Herwig als Möchtegerngrazie schlagen ihre Beine synchron übereinander – links, rechts, links, rechts. Miriam Wagner als frisch gebackene Hotelbetreiberin und ihr Gatte Joachim Aeschlimann sind beide von den sie erwartenden Aufgaben viel zu sehr aus dem Takt gebracht, als sie sich mit solchen Petitessen abgeben könnten. Stefan Lahr wirkt von all dem nicht berührt, also lässt ers – ausser dem kunstvollen Ausblasen von Pfeifenrauch – mit Showeinlagen seinerseits. Natürlich sind das alles Ablenkungsmanöver und Fintenfährtenlegungen, aber sie sind auch dafür verantwortlich, dass die über zwei Stunden sehr kurzweilig wirken. Das Tänzchen ist aber auch eine geschickte Wahl, um darüber hinwegzuspielen, dass «Die Mausefalle» in Komplexität und Spannung nie an jene von «Mord im Orientexpress» oder «Tod auf dem Nil» herankommt. Die Schauspielerführung hinkt mit dieser Hinwendung zum Tänzchen auch der kultivierten Innenausstattung des Hotelfoyers von Damian Hitz in Sachen Eleganz in nichts nach.

© P.S., 30. November 2018

 

Das Auge des Tigers

Aus Liebe zu den Lendengrübchen

Theater oder Kabarett? Das Theater Kanton Zürich bringt den Monolog «Das Auge des Tigers» des Vorarlbergers ­Stefan Vögel auf die Bühne. Darin boxt sich einer zwischen Ohnmacht und Oleander durch seine Midlife-Crisis.

Von Dieter Langhart

In Pit Pietz’ Haut möchte man nicht stecken. Aufsteigertraum im Rückwärtsgang: von hundert auf null, vom geduldeten Zürichberg-Gatten zurück zum Hauswartssohn aus Dinkelsbühl. Und das nur, weil er sich in die junge Jenny verguckt hat. Sie hat knackigere Brüste als seine Barbara und unvergleichliche Lendengrübchen. Da kann doch ein normaler Mann so Mitte vierzig nicht widerstehen, sagt Pit Pietz und ballt die Fäuste.

Er boxt sich ins Recht, biegt sich alles zurecht. Er tut sich leid und sinniert wehmütig: «Wenn sie ‹Tiger› zu dir sagte . . .» Doch Barbara hat ihn aus der Villa geschmissen, hat ihm eine Psychiaterin verordnet, die ausgerechnet Zweifel heisst. Hat ihn zum Gärtner degradiert, der ihren Oleander pflegen muss, als habe er eine Schuld abzuzahlen. Ausgerechnet Oleander.

Der Bludenzer Autor Stefan Vögel ist 2014 mit der satirischen Boulevard-Komödie «Achtung Schwiiz» im Casinotheater Winterthur bekannt geworden. In der Heimat kennt man ihn als Kabarettisten («Grüss Gott in Voradelberg») und als Theaterautor; in der Uraufführung seines Kabarettprogramms «Das Auge des Tigers» spielte er die Hauptrolle.

«Rocky III» und der böse Oleander

«Er hat’s verdient», sagt Barbara Reichenstein zu Beginn aus dem Off. Sie wird nie die Bühne betreten, Fabienne Hadorn leiht ihr die klare Stimme. Dann wummert «Eye of the Tiger» aus den Boxen, als spielten Survivor hinter der Bühne. Und jetzt springt Pit Pietz auf die Bühne, selbstbewusst wie Rocky. «Um gleich mal was klarzustellen: Nur weil ich in den letzten sieben Monaten mit sechs Frauen ausgegangen bin und nur weil ich ein Zwei-Jahres-Abo fürs Fitnessstudio gebucht habe und eine Zeit lang auf Tinder war, bin ich noch lang nicht in der Midlife-Crisis. Aber ich werd’ gestärkt aus allem herausgekommen.» Er kriege alles wieder auf die Reihe, Barbara nehme ihn schon wieder zurück.

Pit Pietz redet sich in seinem Monolog um Kopf und Kragen, die Boxhandschuhe lenken nur von seinem Selbstmitleid ab. In den vergangenen sieben Monaten sei er durch die Hölle gegangen: Bandscheibenvorfall beim Oleander-Verstauen, Physiotherapie bei Jenny, Affäre mit Jenny, Rausschmiss. «Ich wäre Barbara gar nicht böse gewesen, dass ich sie betrogen habe.» Er hat genug von Jenny und ihrem jungen Umfeld, will zurück zu Barbara. Die Kinder wollen nicht, und Barbara stellt Bedingungen wie die Gartenarbeit.

«Ich bin ein logischer, kein sentimentaler Mensch»

Rüdiger Burbach, seit 2014 Intendant am Theater Kanton Zürich und davor vier Jahre dessen künstlerischer Leiter, hat sich Vögels deftigen Stoffs angenommen. Er hat das Vorarlbergische entfernt und konzentriert sich in der Schweizer Erstaufführung auf das typische Verhalten von Männern, die in ihrer Lebensmitte ausser Kontrolle geraten und sich sagen, das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Er nennt die Hauptfigur wie den Schauspieler und lässt ihm alle Freiheit.

Pit-Arne Pietz ist eine Wucht. Kaum je hockt er still, ist Körper und Stimme in einem, haut seinen Punching-Ball zu Boden und klettert auf den Oleander, bemitleidet sich und beschimpft die andern, zieht sich aus und um und kriecht in grünen Gärtnerstiefeln vor Barbara zu Kreuze. Er äfft die Frau Zweifel nach und gesteht auch seine eigenen Zweifel ein. «Ich bin ein logischer, nicht ein sentimentaler Mensch», sagt er in einem Anflug von Selbsterkenntnis. Doch als dieser Schnösel Adi Grafenberg ins Haus kommt, wird Pit heftig (und da zieht sich das Stück ein wenig, verliert Tempo). Weinerlichkeit und Selbsttäuschung gehören zu dieser Figur; Pit-Arne Pietz spielt alle Seiten aus, nicht nur die lauten, bühnenwirksamen oder die ironischen Sticheleien in Richtung Publikum.

Nach siebzig Minuten klingelt es. Pit schreit «Barbara» – mit einem Ausrufezeichen und mit einem Fragezeichen. Starker Applaus für einen vielschichtigen und vielsprachigen Schauspieler und für den klaren Farbeinsatz Beate Fassnachts, die auch am See-Burgtheater schon für Bühne und Kostüme gesorgt hat.

© Thurgauer Tagblatt, 9. Oktober 2018

Zwingli Roadshow

Zwingli swingt mit Konfirmationsunterricht und Karaoke

Die «Zwingli-Roadshow» ist der bisherige Höhepunkt der Veranstaltungen zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation. Im Züribiet ist eine fahrende Schauspielerbande unterwegs: Infotainment erster Klasse.

Von Daniele Muscionico

Es war einmal ein Begriff, und er war gut. So gut sogar, dass er im deutschsprachigen Theater das meiste überlebte, was in den letzten zwanzig Jahren aufflackerte und kurz Mode war. Das Zauberwort war «Bambifikation». Gemeinhin gilt es als Kennung der Generation X, die ihre eigene Plastifizierung betrieb.

«Bambifikation» stand für die geistige Umwandlung von Geschöpfen aus Fleisch und Blut in Comicfiguren mit bürgerlicher Moral. Regisseur Niklaus Helbling und der Musiker Martin Gantenbein haben das Symptom für das Theater übersetzt und zu einem Bühnen-Cartoon überformt, der bis heute nicht nur in der Theatergemeinde als stilbildend gilt: «Bambifikation» eben.

Ein «Zwingli-Fahrtheater»

«Zwinglifikation» heisst – nicht offiziell – die Nachfolgeproduktion, die jetzt im Kanton Zürich unterwegs ist. Aufgefordert, zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation einen Beitrag zu leisten, haben die Hauptbeteiligten von damals die Lunte gerochen und das Potenzial von Zwinglis Zeit und Zumutungen für die Bühne fruchtbar gemacht.

Die Autorin Brigitte Helbling ist dazu tief in die Archive gestiegen; Niklaus Helbling lässt seiner rampensäuischen Besetzung lange Zügel. Jede und jeder im Ensemble, Fabienne Hadorn – als Chefin eines «Zwingli Fahrtheaters»– an der Spitze, setzt alles daran, das Publikum um den Verstand zu spielen.

Der Musiker und Musical-Crack Markus Schönholzer setzt die Erzählung akustisch um mit einem Orgel-Ersatz, einem Mini-Keyboard-Orchester auf der Bühne; seine süffigen Songs nehmen Anleihe bei Schweizer Chorwerken. Alle Darsteller sind operettentauglich und Mundarbeiter im besten Sinn. Auch Zwingli war bekanntlich ein Multinstrumentalist. Und ähnlich wie zu Zeiten Zwinglis stellt sich das Ensemble vor, als Ur-Gemeinde, denn die Lage ist ernst: Zwingli ist bei Kappel soeben gefallen, der Meister ist tot, und seine Jünger müssen nun die Botschaft in die Welt tragen. Elke Auer hat zu diesem Zweck eine derart praktikable Bühne gebaut, dass man sie als Kleinraumwohnung patentieren oder als mobile Kirche auf öffentliche Plätze stellen müsste.

Die Verantwortlichen haben ein Genre kreiert, das noch zu benennen ist, «Zwingli-Roadshow» muss genügen und ergibt Sinn: Die Zurichtung von Zwinglis Ideen und Implikationen für unsere Zeit ist für die Bedingungen der fahrenden Bühne des Theaters Kanton Zürich (TZ) konzipiert. Die Produktion funkt als ketzerischer Konfirmationsunterricht genauso gut wie als Karaoke-Abend aus lokalhistorischen Zoten, schwimmenden Palmeseln und dem Echo des Schlachtengebrülls zu Kappel.

Werden wie die Kinder

Diese «Zwinglifikation» allerdings ändert die übliche Blickrichtung und foutiert sich um Zürich, die Stadt. Sie beschreibt, wie die Reformation aus Sicht der Landschaft erlebt und erlitten wurde. Und das tut sie nahe bei den Quellen historisch bestens informiert.

Aus Weiningen und Tuggen, aus Zollikon und Meilen stammt der überlieferte Stoff. Er erzählt vom Terror an den Leibeigenen, der Entführung und Enthauptung neugläubiger Pfaffen, die in Zwinglis Geist predigen oder sogar «wyben». Vögte führen ein willfähriges Regime, die Untertanen darben. Wenn «Bambifikation» ein Zeitgeist-Phänomen bühnenfein gemacht hat, nimmt sich die «Zwingli-Roadshow» vor, den religiösen und sozialen Aufbruch von damals ganz direkt auf ihre Wirkung heute abzuklopfen.

Und das ist in jedem Moment unorthodox. Die Reformations-Show ist im Inneren auch eine Bühnen-Show und zu hundert Prozent katholisch: sinnig, lebensprall, überbordend, bald Himmel, bald Hölle – und zum sofortigen Verbrauch bestimmt. Zur umgehenden Besichtigung und Erbauung für alle, die werden wollen wie die Kinder.

© Neue Zürcher Zeitung, 21. September 2018

Ein Sommernachtstraum

Szenenapplaus für eine Wand

Die kleine Zürcher Wanderbühne wagt sich an einen grossen Klassiker. Sie spielt William Shakespeare «Sommernachtstraum» in einer kurzen, modernen Version.

Von Cordelia Fankhauser

Es ist bestimmt die berühmteste Wand in der Theaterliteratur. Gespielt wird sie normalerweise von einem der vier Handwerker, die ein Stück im Stück aufführen. Da das Theater Kanton Zürich aber mit einem sehr kleinen Ensemble auskommen muss, darf ein Premierengast die berühmte Wand spielen. Er macht das mit Bravour und verdient sich einen spontanen Szenenapplaus!

Turnhalle statt Stadtgarten

Es hätte die erste Open Air Premiere der Saison werden sollen. Ein «Sommernachtstraum» also, an einem lauen Maiabend, mit Vogelgezwitscher und Grillengezirpe. Aber daraus wurde nichts, der Abend war nass und kalt und das Theater Kanton Zürich musste seine Kulisse in der Alten Turnhalle in Oberwetzikon aufbauen.

Kühl und fast frostig ist denn auch die erste Szene in der Inszenierung von Elias Perrig. Schnee liegt über dem Wald und Hippolyta (eine wie immer bezaubernde Katharina von Bock) hat sich ein Pelzhütchen aufgesetzt. Doch schon in der nächsten Szene ist der Schnee geschmolzen und der Liebesreigen im grünen Wald kann beginnen.

Kiffen und stöhnen

Ein lustvoller Reigen ist es, in dem sich das ganze Ensemble immer wieder an die Wäsche gehen darf. Oberon verteilt Zauberpilzchen und lässt allerhand Kräutchen rauchen. Puck ist hier mehr Punk als Waldgeist und liefert zusammen mit dem Musiker Sandro Corbat den passenden Sound zum Liebesspiel.

Und so modern wie die Musik ist in diesem Sommernachtstraum die Sprache. In der Übersetzung von Rebekka Kricheldorf tönen die 400 Jahre alten Verse leicht und frisch. Ein sommerliches Vergnügen ist William Shakespeares Klassiker. Und so vergnügt, wie nach dieser Premiere, geht man selten aus einem Theater!

Link zum kompletten Beitrag auf  Radio SRF 1: https://tp.srgssr.ch/p/popup?urn=urn:srf:ais:audio:1f46e2f3-c177-4fac-ae07-4ad941a4ae96&autoplay=true

© Radio SRF1 Regionaljournal Zürich Schaffhausen am 18. Mai 2018

Die Affäre Rue de Lourcine

«Die Affäre Rue de Lourcine »: War da überhaupt noch Salat?

Von Stefan Busz

Sogar der Waschtisch hat rosa Plüschfüsschen, so steht er auf der Bühne wie ein Ding aus einem seltsamen Traum. Und weil auch Dinge im Traum sprechen können, steht der Waschtisch da, als wollte er uns sagen: So bin ich eigentlich nicht. Elina Finkel spielt in ihrer Inszenierung von Eugène Labiches Einakter «Die Affäre Rue de Lourcine » im Theater Kanton Zürich mit solchen surrealen Bildern: Nichts ist da, wie es scheint. Auch die Menschen auf der Bühne zeigen uns: Wir sind eigentlich ganz anders. Weniger plüschig, als sie sich geben.

Den ersten Auftritt hat Stefan Lahr im Kaninchenkostüm mit einem rosa Stummelschwanz hintendran. Sein Lenglumé ist soeben aufgewacht, aber so richtig kann sich dieser nicht erinnern, was in der Nacht geschah. Klar, er war an einem Ehemaligentreffen; klar hat er Madeira, Champagner, Pommard gesoffen. Nach dem Salat tut sich aber eine grosse Lücke auf. Lenglumé weiss nicht einmal mehr, ob da überhaupt noch Salat war. Und wer der Mann ist, der in seinem Bett geschlafen hat, weiss er auch nicht. Es ist Andreas Storm als Mistingue, Zechgenosse, ebenfalls ein grosses weisses Kaninchen. Die beiden ziehen erst einmal hoppeldipoppel eine Riesenkaninchenshow ab, bis sie sich aus den Kostümen schälen. Und da stehen die beiden Männer mit schmutzigen Händen da.

Etwas ist in der Nacht geschehen, und das ist der Witz in dieser Farce aus dem Jahr 1857. Ein armes Kohlenmädchen soll an der Rue de Lourcine ermordet worden sein, alle Indizien deuten darauf hin, dass die Täter Lenglumé und Mistingue sind. Die beiden versuchen, sich vom Verdacht reinzuwaschen, der Schmutz an den Händen aber bleibt. Da nützt kein Wasser, keine Seife, auch kein Alkohol. Nicht einmal ein Mord.

Schon bei Labiche wird viel getrunken. Elina Finkel setzt noch einen drauf. Bis zum Frühstück ist schon der Likör weg, dann gibts Cornflakes mit Rosé, drei Flaschen Tequila werden bis zum Schluss noch hinzukommen. So wird in dieser Inszenierung, die wie ein Brennglas auf diese Salongesellschaft funktioniert, aus einem Kater ein Riesenkater. Aus Labiches kleinem Salon wird ein Tingeltangel (die Glitterflitter-Bühne ist von Norbert Bellen). Die kleine Farce sieht schnell wie eine Riesentragödie aus, so eine Art Slapstick-«Macbeth».

In dieser Geschichte kommen eigentlich alle, die das Fake-Spiel der bürgerlichen Anständigkeit betreiben, ein bisschen um: Justin (Michael von Burg), ein Diener, der sich gern schmutzig macht; Vetter Potard (Daniel Hajdu), der Trottel vom Dienst; nicht zuletzt Norine, Lenglumés Frau, sehr adrett, aber mit eiskaltem Blick (Miriam Wagner). So werden sie ausgeknipst, die nie die hellsten Lichter waren. Was vorher lustiges Klimbim war, endet im Geröchel. Eine plüschige Komödie kann bei Elina Finkel messerscharf sein.

© Tages-Anzeiger, 24. März 2018

 

Das Käthchen von Heilbronn

Die Ohnmacht der Liebenden

Da gibt es kein Ach! Da gibt es nur ein Weh. Barbara-David Brüesch nimmt im Theater Kanton Zürich «Das Käthchen von Heilbronn» von Heinrich von Kleist auseinander.

Von Stefan Busz

Von einer schönen grünen Wiese hat Käthchen geträumt, wo alles bunt und voller Blumen ist. Hier könnte sich erfüllen, was das Mädchen sich im Traum vorgestellt hat: dass ein grosser, schöner Ritter käme und es heiratete. Der Ritter ist auch wirklich da. Aber er vergreift sich an dem schlafenden Mädchen: Hand auf der Brust, Hand auf dem Schenkel. Käthchen weiss nicht, wie ihr geschieht – der Traum vom Paradies ist für sie zum Albtraum geworden. Dies zeigt Barbara-David Brüesch in ihrer Inszenierung von Heinrich von Kleists «Das Käthchen von Heilbronn» für das Theater Kanton Zürich.

Mit leeren Händen

Wir sehen, nicht nur in dieser Szene, welche Gewalt in diesem «grossen historischen Ritterspiel» aus dem Jahr 1810 ist. Da gibt es kein Ach! Da gibt es nur Weh. Am Ende steht Käthchen mit leeren Händen da. Die Blumen, von denen sie geträumt hat, sind nur Kulisse. «Endstation Sehnsucht» und «Nora. Ein Puppenheim» hat die Regisseurin aus Chur schon im Theater Kanton Zürich gezeigt, mit dem Klassiker von Kleist geht sie ihren Weg weiter. Das «Käthchen» sei einst ihr Lieblingsstück gewesen, hat sie gesagt. Aber Lieblinge muss man killen. Barbara-David Brüesch streicht den Liebeszauber aus dem Stück.

Silberzwiebeln im Mund

Es bleibt die Blindheit über den Gang der Welt. Eine Binde über den Augen trägt Käthchens Vater (Andreas Storm). Der Waffenschmied macht Friedrich Wetter, Graf vom Strahl (Matthias Kurmann), den Prozess. Der Vorwurf: Der Ritter habe sein Käthchen verzaubert, dass es ihm wie ein Schatten folge. Nur kurz tritt am Anfang Käthchen in Erscheinung, sie gibt sich blind und fällt dann gleich in Ohnmacht. An Julka Duda, die dieses Käthchen spielt, geht so die Groteske vorbei, die aus dem Ritterspiel mittlerweile geworden ist. Regiert wird der Ton von ihrer Gegenspielerin Kunigunde. Joachim Aeschlimann ist das Konstrukt einer Frau, und diese Figur macht alle Männer zu Affen, ob Rheingraf (Michael von Burg), Burggraf (Stefan Lahr) oder Knecht (Nicolas Batthyany als Gottschalk). Die Frau ist nicht ausgenommen. Katharina von Bock schafft etwas, was keine andere Schauspielerin kann: Sie spricht Kleist mit Silberzwiebeln im Mund. Überhaupt spielt das Ensemble toll.

Doch alles, was so lächerlich aussieht, hat etwas sehr Verstörendes in sich. Denn die Figuren treiben ein böses Spiel: Käthchen hat keine Chance gegen ihre Übergriffe. Das Happy End, das ihrer Geschichte zugeschrieben wird, ist das traurigste der Welt. An ihrer Hochzeit mit dem Ritter steht Käthchen allein, und der Cherub lässt die Flügel hängen. So sieht Ohnmacht aus.

© Der Landbote, 27. Januar 2018

Gift. Eine Ehegeschichte

Eine düstere Ehegeschichte

Das Theater Kanton Zürich zeigt Lot Vekemans' Stück «Gift»

Von Tobias Gerosa

Postdramatisches Theater, Textflächen, Projekte sind in, aber der gute psychologische Realismus funktioniert auf der Theaterbühne immer auch noch tadellos. Das Schauspielertheater fesselt das Publikum – wenn es gut gemacht ist. Das Theater Kanton Zürich führt das glänzend vor in seiner neuesten Produktion, dem Zweipersonenstück «Gift. Eine Ehegeschichte» der niederländischen Autorin Lot Vekemans.

Die äussere Handlung: quasi null. Mann und Frau treffen sich und sprechen. Dann gehen sie wieder auseinander. Doch wie sie sich in den siebzig Minuten belauern, wie ihre Vorgeschichte aufbricht, ist zeit- und ortlos menschlich.

Vekemans' 2009 uraufgeführtes Stück «Gift» spielt auf dem Friedhof, auf dem ihr Kind liegt, seit es von einem Auto totgefahren wurde. Anja Furthmann (Bühne und Kostüm) gibt der neutralen Halle nicht nur sieben Leuchtstäbe, sondern auch eine Glaswand: Trauernde, ausgestellt wie im Zookäfig.

«Wir haben ein Kind verloren, dann uns selber und dann einander», fasst der namenlose Er zusammen. Vor zehn Jahren ging er von ihr weg. Nun bringt ihn die Nachricht der Friedhofsverwaltung, das Kindergrab müsse verlegt werden, zum ersten Mal wieder mit seiner Ex-Frau zusammen. Was haben die zehn Jahre und der unterschiedliche Umgang mit dem Verlust und der Trauer mit dem einstigen Paar gemacht?

Vekemans baut den Dialog als eine Art umgekehrte Sonate, die Regisseur Felix Prader fein und textgetreu aufnimmt: Erst der langsame Satz – man belauert und tastet sich ab. Ihre Handtasche liegt als Trennelement auf der Bank zwischen dem zerknautschten Piet Arne Pietz und der immer einen Tick zu schnell oder zu langsam reagierenden Sie von Katharina von Bock. Ab dem ersten Moment macht sie spürbar, auf welchem Minenfeld sie sich bewegt.

Wo in der Musik nun der langsame Satz folgt, wächst hier das Nichtverstehen zur Aggression, die gegeneinander gereckten Zeigefinger «Aber du . . .!» eskalieren zur körperlichen Attacke. Die Beruhigung im dritten Teil bringt zwar Käse und Wein und eine kitschige, falsche Umarmung. Die Inszenierung interpretiert den Text dabei streng pessimistisch, das Gift bleibt drin. «It must be so», zitieren die Figuren Bernsteins Operette «Candide»: Ein zynischer Kommentar nach Voltaires naivem Helden, der an die beste aller Welten glauben will, obwohl alles dagegen spricht.

Das Theater Kanton Zürich brachte diese Premiere im Ustermer Central heraus. Der Versuch der drittgrössten Stadt des Kantons, mit diesem Kulturhaus auf der kulturellen Landkarte bemerkt zu werden, funktioniert noch erst selten. Genaue Ernsthaftigkeit wie in «Gift» könnte dabei helfen.

© Neue Zürcher Zeitung, 17. November 2017

Tschick

«Tschick»: Ein Reiseabenteuer im Rondo

Der gefeierte Jugendroman als Theaterstück. Fünf Schauspieler vom Theater des Kantons Zürich begeisterten am Freitagmorgen die Schüler von verschiedenen Engadiner Schulen mit ihrer Aufführung des Theaterstücks «Tschick» im Rondo Pontresina.

Von Sabrina von Elten

Das Stück beginnt zunächst düster. Im Hintergrund der schwarzen Bühne beobachtetman die heftige Auseinandersetzung eines gutbürgerlichen Ehepaars. Der Mann im grauen Anzug und die Frau in Leopardenbluse und Faltenrock streiten wild gestikulierend. Im Vordergrund der Bühne stehen im Raum verteilt grosse und kleinere Monitorwürfel. Immer wieder flackert weisses Licht auf. Donner und Schüsse ertönen. Der Teenager Maik mit roter Boxerjacke und ebenso roten Turnschuhen bewegt, auf einem der Monitore sitzend, hektisch seinen Joystick. Seine Gesichtszüge sind verkrampft. Es scheint, als würde sich der Streit seiner Eltern in einem Gewalt-Computerspiel entladen. Maiks Eltern werden von Andreas Storm und Silke Geertz verkörpert, die im Stück aber noch in insgesamt sieben weitere Rollen schlüpfen und für diese Rollenwechsel häufig sehr wenig Zeit zur Verfügung haben. Ihr Sohn Maik, gespielt von Nikolaij Janocha, ist gleichzeitig Akteur und Erzähler. Sehr schnell erfährt das Publikum, dass seine Mutter Alkoholikerin ist und der Vater alles andere als ein treuer Ehemann. Maik ist trotz der Probleme in seinem Elternhaus der wohlerzogene und schüchterne Junge von nebenan geblieben. Maiks Gegenpart ist der Klassenneuankömmling mit dem Spitznamen Tschick, der in Wirklichkeit Andrej heisst und einen osteuropäischen Nachnamen besitzt.Tschick alias Michael von Burg ist cool, desinteressiert und arrogant und wirkt auf seine Mitschüler asozial. Aus der anfänglichen Ablehnung entsteht aufgrund von Maiks unerwiderter Verliebtheit zu einer Klassenkameradin Empathie. Die Sommerferien beginnen, Maiks Mutter reist zur «Beautyfarm», die in Wirklichkeit eine Entzugsklinik ist und der Vater zu seiner Geliebten. Maik ist allein und Tschick kommt mit einem geklauten Lada vorbei. Es ist der Beginn eines Reiseabenteuers: ohne Ziel, mit Begegnungen, Erfahrungen und Gefahren, bei dem die beiden ungleichen Jungen zu Freunden werden. Dabei treffen sie an einer Müllkippe, wo sie nach einem Benzinschlauch suchen, auf ein ähnlich verlorenes, aber sehr selbstbewusstes Mädchen, die wunderbare Isa. Mit Isa, die von Julka Duda gespielt wird,schliessen die beiden einen Treueschwur auf ein Wiedersehen in 50 Jahren.

Lehrreiches Theater

Dieses Theaterstück ist ein Gesamtkunstwerk: Die Rollen scheinen auf die Schauspieler zugeschnitten zu sein. Das Bühnenbild ist reduziert, aber durch die Videobilder der Monitore ist das Reiseabenteuerder beiden Teenager Maik und Tschick visuell und emotional für die Theaterbesucher erfahrbar. Die eingespielte Musik reflektiert den Seelenzustand der jungen Menschen, sie bietet zugleich Zuflucht und untermalt das entfesselte Glücks- und Freiheitsgefühl der Reisenden. Ein gelungener Kunstgriff ist darüber hinaus auch das Vertauschen von männlichen und weiblichen Rollen in zwei Nebenfiguren, das für Komik sorgt. Das hervorragende Spiel der fünf Schauspieler in insgesamt zwölf Rollen, die literarische Vorlage von Wolfgang Herrndorf, die von Robert Koall für das Theater adaptiert wurde und die einfallsreiche Regie von Johanna Böckli lassen keine Langeweile aufkommen. Dieser Theatermorgen ist reich an Spannung, Mitleiden – und Mitfiebern. Die Geschichte des abenteuerlichen und lehrreichen «Roadmovies» der beiden Freunde, zieht die Schüler von Anfang in ihren Bann und wird mit viel Applaus belohnt.

Das reisende Theater

Das Theater Kanton Zürich ist eine Wanderbühne. Eine reisendes Theater bringt einige Herausforderungen mit sich, wie beispielsweise die unterschiedlichen Bühnensituationen, die immer wieder die Anpassung des Bühnenbildes erfordern. «Wir verfügen über eine Spielstätte in Winterthur, aber unser Auftrag ist es, Theaterstücke,die für Jugendliche und Erwachsene geeignet sind, in verschiedenen Gemeinden des Kantons Zürich aufzuführen. Auf Einladung der Kulturbehörde Pontresina waren wir zum ersten Mal bereits 2015 zu Gast im Rondo», erklärt der Dramaturg Uwe Heinrichs und erwähnt zudem, wie gerne die Theatertruppe im Engadin spielt. 

© Engadiner Post, 13. Februar 2018

Häuptling Abendwind

Es wird gegessen, wer auf den Tisch kommt

Mahlzeit! DasTheater Kanton Zürich eröffnet die Saison mit einem kannibalischen Südsee-Klamauk nach Offenbach und Nestroy. Zivilisiert geht es mit der Beihilfe des Opernhauses musikalisch zu und her.

Von Herbert Büttiker

Ein grosser Kochkessel rollt auf die Südsee-Bühne, das diplomatische Treffen der Häuptling Abendwind und der verfeindeten Herrscherin Biberhuhn sollte beim Festmahl in eine Versöhnung und Hochzeit münden. Appetitlich ist das vom Theater Kanton Zürich zur Saisoneröffnung servierte Mahl allerdings nicht, und die Versöhnung muss bis zum Happy End warten. Denn erstens handelt es sich, wie auf der Insel üblich, um ein kannibalisches Menü, und zweitens ist der zerlegte und gekochte Fremdling niemand anders als eben Biberhuhns Sohn.

Zumindest scheint es so, und dies zum Leidwesen der Prinzessin Atala, die sich in den statt­lichen und stimmmächtigen Tenor-Prinzen Arthur (Omer Kobiljak) verliebt hat. Ihre wirklich herzerweichenden Töne (Alina Adamski) sind aber angesichts des politisch-kulinarischen Debakels eher Nebensache.

Mehrere Köche

Da werden Weiber zu Hyänen und treiben mit Entsetzen Scherz. Biberhuhn heisst nämlich nicht umsonst «die Heftige», Abendwind völlig zu Unrecht «die Sanfte» – das beweisen Fabienne Hadorn und Katharina von Bock nicht erst im Moment, als klar wird, wer da auf dem Speisezettel stand. Die wilden Matriarchinnen verwandeln die Bühne an der Scheideggstrasse mit ihrem Hochdruck an Klamauk, Grimasse und Kalauer in so etwas wie einen pfeifenden Dampfkochtopf.

Da wird eingeheizt, gepfeffert und gesalzen mit aller Bravour, und die Köchin schwingt das Hackbeil. Man kann dies alles auch als des Guten zu viel empfinden. Aber es gilt eben auch für die Regie von Rüdiger Burbach: «Es wird gegessen, wer auf den Tisch kommt.» Und es hat auch seine Logik. Denn das Stück «Vent du soir ou L’horrible festin» von Jacques Offenbach hat da bei aller quirligen und melodiösen Harmonie mit seinen Librettisten ein recht strenges Ragout in die Pfanne gehauen. 1862, fünf Jahre später, hat es Johann Nestroy für Wien adaptiert und mit seinem linguistischem Schlagobers ein wenig abgeschmeckt.

Schaurig schön

Jetzt hat Stephan Benson die Operette in zeitgeistig ironischer Gegenwartssauce (Migration, Vegetarismus, Feminismus, Tourismus) kräftig aufgerührt. Die menschenfresserischen Herrscher haben das Geschlecht gewechselt und zeigen, wie stark es ist. Ob ihrer schaurig schön hergerichteten Wildheit (Bühne und Kostüme: Anja Furthmann) geht Bensons eigener Dreh fast unter: Die Kannibalengeschichte wird von einer gelangweilten Ferienkolonie für ein fernes Fernsehpublikum nur gespielt, denn der Naturforscher Jim McLair soll für die Einschaltquote statt reiner Natur Realityshow servieren.

Wie Stefan Lahr mit seinen Erklärungen über Anthropophagie und «das komplexe Verhalten der Urhorde» die Fake-News aufbereitet, ist höchst vergnüglich. Sein Spiel setzt nicht weniger pointenreich einen subtileren Kontrapunkt zu den Pseudo-Insulanerinnen, die schiessen auf geniessen reimen und mit dem allbekannten Jägerchor auf Beutefang gehen.

Musikalisch reizvoll

Als Fremdkörper wirkt die Einlage aus dem «Freischützen» nicht, und Till Löfflers Bearbeitung trifft überhaupt sehr schön Stimmung und Charakter der Offenbachiade, zu der auch die feineren Töne gehören. Das kleine Instrumentalensemble bringt sie bestens ins Spiel. Der musikalische Leiter Thomas Barthel legt dazu am Harmonium das Fundament und steuert das Ensemble schwungvoll und wohlkoordiniert durch den anderthalbstündigen Abend.

Ouvertüre und sieben Nummern hat Offenbach für sein Quartett der Stimmen komponiert, grossenteils turbulente Ensembles, in denen das auch musikalisch sattelfeste TZ-Trio und das Opernstudio perfekt zusammengehen. Den Schöngesang gepachtet hat aber das junge Paar im Duett, und für Atalas Trauer hat Löffler raffiniert Offenbachs «Barcarole» eingebaut. Ebenso stimmig serviert Gemma Ni
Bhriain als Köchin den Schlager «Ich lade gern mir Gäste ein» aus der «Fledermaus».

Sie hat sich übrigens bestechen lassen. Statt Arthur hat sie «nur» den heiligen Bären aufgetischt. Also endet die Gaudi ausgelassen und das Premierenpublikum klatscht die Hände zu Offenbachs «Cancan».

© Der Landbote, 16. September 2017

Die schwarze Spinne

Chillen mit Gotthelf
«Die schwarze Spinne» als Freilichtaufführung

Von Daniele Muscionico

Das hätte man nicht gedacht: Jeremias Gotthelfs «Schwarze Spinne» ist ein Stück zur Gegenwart. Das Theater Kanton Zürich serviert es mit einem «Bacardi Feeling».

Ein Schrei, entsetzt und jäh. Der Himmel ist klar, der Schrei spitz, der Mond auf einmal blasser. Der Schrei aus Reihe zwei hallt nach. Und er ist begründet. Sprang hier nicht und kriecht dort nicht dieses Etwas, das eine Spinne sein muss? Schossen mit der letzten Handbewegung der Schauspieler nicht furchtbar fruchtbare Spinnenkinder wuselig wimmelnd von der Bühne in den Zuschauerraum?

Das Theater Kanton Zürich verbreitet ein Virus, und es ist nicht das übliche, der Erreger Theater. Der neue virale Aktivposten der Wanderbühne ist Elias Perrigs Freilichtinszenierung nach Jeremias Gotthelfs Novelle «Die schwarze Spinne». Die überraschende Beigabe: Die Autorin Dagrun Hintze stellt Gotthelfs Biedermeier-Opulenz auf den schlanken Fuss von zeitgenössischem Theater. Ihre Fassung verzichtet auf Ritterrüstung und fährt dem Publikum mit den Waffen der Unmittelbarkeit ins Hirn.

Mit Gotthelfs böser Saat im Gepäck wird das Theater Kanton Zürich in den nächsten Wochen im Kanton touren. «Die schwarze Spinne» auf öffentlichen Plätzen wird nicht zu übersehen sein – und die Publikumsreaktion nicht zu überhören.

Chill-Faktor positiv

In Elias Perrigs feinziselierter und musikalischer Regie und mit Hintzes bis auf den Kern ausgelösten Vorlage wurde an der Uraufführung in Zollikon aus dem Berner Pfarrer ein hipper Gegenwartsautor. Das kleine, grossartig aufgelegte Team spielte sich frei in einem Well-made-Play. Es ist kein Sakrileg, wenn die Darsteller etwa zum Text von Kate Yanai «Bacardi Feeling» summen. Die Gotthelfsche Gesellschaft ist auch jene, die am italienischen Ferienstrand neben Flüchtlingsleichen chillt.

Diese Dorfgesellschaft allerdings ist lediglich in Gedanken unter Palmen. Man lebt unter der Tyrannei der Mächtigen, die Not soll ein Pakt mit einem Fremden lindern. Auch Christine, die sich als Einzige traut und sich für die Gemeinschaft einsetzt, ist eine Zugewanderte; doch kaum geht ihre Absicht schief, wird sie wieder zur Unperson erklärt. Gotthelf schrieb mit seiner Novelle «Die schwarze Spinne» eine Science-Fiction. Denn nach dem Pakt mit dem Grünen und dem Kuss rächt sich die vom Dorf verratene Frau. Aus dem teuflischen Nest ihrer geküssten Wange verbreitet sie ein tödliches Virus, Spinnen.

Einsam unter Memmen

Bei Perrig werkelt das Gotthelf-Volk leistungsorientiert in der Holzwerkstatt von Beate Fassnacht. Hier kommt das Taufwasser abwechselnd aus einer Pulle Alkohol und einer Mineralwasserflasche. Nils Torpus spielt den Pfarrer, ist aber ein komisches Hasenherz. Und wenn der verheissungsvolle Fremde auftritt (unberechenbar bei Michael von Burg), ist er der Gigolo von anderswo. Er verdreht Christine den Kopf, verständlich, die lokalen Männer sind laue Memmen. Was wäre dieses Stück ohne starke, unabhängige Frau? Bei Katharina von Bock ist sie bestens aufgehoben.

Christines Spinnen, die das Theater Kanton Zürich freisetzt, breiten sich aus in den Handtaschen, Hosentaschen, in der Hochfrisur des Publikums und wandern so ein in unser Zuhause. Sie infiltrieren unsere Gedanken, und die führen zum Schluss: Die Spinne mag die Metapher für einen Tabubruch sein, für einen schleichenden Wertezerfall und Prozess in einer Gesellschaft, die es etwa legitim findet, in Europa neue Mauern zu errichten.

Gotthelfs Menschen konnten leicht auf Mauern verzichten, ihnen half noch Gott. Bei Perrig gibt es diese Hoffnung nicht mehr. Dafür besteht der berechtigte Verdacht, dass eine «Schwarze Spinne» zum viralen Sommerhit wird. Auch wenn das Vergnügen gottlos ist.

© Neue Zürcher Zeitung, 19. Mai 2017

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