Der Kontrabass

Existenzkampf über alle Oktaven: «Der Kontrabass»

Von Julia Fauth

Winterthur, Wolferhaus – Haydns Konzert für ihn gilt als verschollen, Prokofjew liess ihn gerade einmal im Quintett mitspielen: Die Rede ist vom Kontrabass, diesem im Orchester unverzichtbaren, aber irgendwie verkannten Instrument. Patrick Süskind schrieb ihm in seinem gleichnamigen Monolog von 1981 ein virtuoses Solo auf den bauchigen Korpus – in Prosaform und mit deftiger Kakofonie hier und da. Dem Theater Kanton Zürich gelingt in der Regie von Elina Finkel eine überzeugende Inszenierung dieses Bühnendauerbrenners, mit einem souveränen Stefan Lahr in der Rolle des palavernden Kontrabassisten.

Eine seltsame Lebensgemeinschaft zwischen der Bassgeige und dem neurotisch frustrierten Musiker ist das, in einer Kulisse, die nichts weiter darstellt als eine Art schallisoliertes Wohnklo. Ausgestattet mit Adiletten, Kunstseidenpants und Morgenmantel in Teppich-Optik, mit Bier in der Hand und derben Klischees aus dem Orchestergraben auf der Zunge, wirkt Lahr wie das personifizierte Musikproletariat. Weit entfernt von den himmlischen Tonhöhen, die die erste Geige und die heimlich verehrte Primadonna Sarah erreichen, muss er sein musikalisches Dasein tief unten in den Klangkatakomben fristen. Das zehrt an den Nerven und an der Physis, die von diesem «plumpesten» aller Instrumente sowieso schon malträtiert wird: Zwei Liter Wasserverlust in einer Opernaufführung schätzt der gebeutelte Orchesterhinterbänkler.

Schnell wird klar, dass der mickrige (Bühnen)raum wie so oft in Süskinds Kosmos der Antihelden zum Lebensraum wird, in dem ein Existenzkampf über alle Oktaven tobt. Der Kontrabass erscheint als Instrument gewordene Geissel des Daseins, hinter dessen gewaltigem Klangkörper sich der Mann versteckt wie hinter einer «menschlichen, sexuellen und verkehrstechnischen Behinderung». Und obwohl der gescholtene Tiefklinger im ganzen Stück nur einen einzigen rauen Ton von sich gibt, gerät der Bühnenmonolog mehr und mehr zum Schlagabtausch zwischen Lebens-Klaustrophobie und der Sehnsucht nach Glück. Die Tragikomik strapaziert die Lachmuskeln des Publikums, und so gluckst es in den Reihen immer wieder dumpf vor Vergnügen – es klingt fast ein bisschen wie ein Kontrabass.

© Tages-Anzeiger, 26. Oktober 2013

 

Der Schrei des Kontrabasses

Stefan Lahr gibt Patrick Süskinds Erfolgsstück «Der Kontrabass» den eigenen Ton. Eine Premiere des Theaters Kanton Zürich im Wolferhaus in Sennhof.

Von Stefan Busz

Wo aussteigen? Sennhof-Kyburg heisst das Ziel. Die S26 bringt einen hin. Dann ein kleiner Spaziergang durch die Nacht, bald zeigen sich die Lichter des Wolferhauses, es ist das Kleintheater der Kulturbau GmbH. Hier findet die «Kontrabass»-Premiere statt, Elina Finkel hat Patrick Süskinds Stück für das Theater Kanton Zürich in Szene gesetzt. Am Eingang steht Stefan Lahr, er wird den Kontrabassisten spielen, und es ist, als lüde er uns in seine Wohnung ein.

Wir gehen in den ersten Stock. Dort hat Denise Heschl ein kleines Zimmer in den Saal gebaut, es ist ganz mit Holzimitat- Folie ausgekleidet. Es gibt kein Fenster, keine eigentliche Tür, ganz isoliert ist dieser Raum. Auf dem Boden: Bierharasse, leere Flaschen, LPs, ein Plattenspieler. Aus diesem Gehäuse heraus kommt dann eine Musik, es ist das Bassmotiv aus Brahms Zweiter. «Das bin ich», sagt Stefan Lahr, der die Platte aufgelegt hat: «So rumpeln wir den Stiefel runter.» Am Pult ist Claudio Abbado.

Es ist ein Elend mit dem Mann. Er ist Kontrabassist im Orchester der Staatsoper. Am Morgen Probe. Am Abend Vorstellung. Den Rest des Tages ist er allein. Dann spielt er typisches Kontrabassistenschicksal: allein, wehleidig, ungeliebt. Ein Kind des Unglücks. Vater war Beamter, Mutter spielte Flöte. Die Folge: Tuttist in der dritten Reihe. Und Abbado bekommt den ganzen Applaus.

So hat Patrick Süskind den Kontrabassisten gezeichnet. Sein Stück, 1981 erstmals aufgeführt, war auf den Bühnen ein grosser Erfolg. Abgespielt wurde oft die alte Platte: der frustrierte Orchesterbeamte als Verdriessling. Stefan Lahr gibt der Figur nun einen eigenen Ton. In einem Wort, es ist das «Vielleicht».

In Morgenmantel und Trainerhose tritt er vor sein Publikum, auf dem TShirt ist ein Fleck, die Socken sind gestrickt. Die Zeit: Es ist der Nachmittag, an dem nichts läuft. Wozu üben? Es nützt doch nichts. Die anderen sind immer besser. Und stehen über ihm.

Einer steht immer im Weg

Depro-Chic sieht aber anders auch. So struppig sich Stefan Lahr auch am Anfang gibt, auf seinen Musikeranzug lässt er am Schluss nichts kommen – mit der Zeit wird der Bierkonsum auch eingestellt. Da versucht einer, Satz für Satz, reine Weste zu machen. Jedenfalls versucht er es, vielleicht.

Natürlich steht ihm einer immer im Weg. In der Ecke macht sich ein Trumm von Instrument breit. Trumm ist der Singular von Trümmer. Aber so unisono ist der Mann gar nicht, auch wenn er sagt, dass ihm der Kontrabass am liebsten in Stücken wäre: zersägt, zerhackt, zerkleinert, zermahlen, zerstäubt. Er sagt es für das Publikum. Und legt dem Instrument später seinen Morgenmantel an, als könnte es frieren, vielleicht. Eine eigene Stimme hat hier auch die Liebe, sie heisst Sarah und ist Sopranistin. Nach ihr sehnt sich der Kontrabassist, doch der Orchestergraben ist unüberbrückbar in seiner Vorstellung. Er könnte dann schreien, vielleicht. Stefan Lahr schreit aber nicht. Er zeigt einfach, welche Möglichkeiten so ein Kontrabass hat. Auch das Monströse zeitigt ganz filigrane Seiten.

Grosser Applaus dann für den Schauspieler Lahr, der hier ganz Solist sein kann, und seine Regisseurin Elina Finkel. Ihre erste Arbeit für das Theater Kanton Zürich wird den Weg machen. Und auch die Kontrabassisten im Publikum klatschen fröhlich mit.

© Der Landbote, 26.Oktober 2013

Der Gott des Gemetzels

Grausam lustig

Eine glänzende Inszenierung von Yasmina Rezas Stück «Der Gott des Gemetzels» ist im Theater Kanton Zürich zu sehen. Und die Schauspieler sind brillant.

Von Stefan Busz

Lackrot ist der Boden, den der Regisseur Felix Prader für Yasmina Rezas Stück «Der Gott des Gemetzels» auslegen lässt. Mit dieser glänzenden Oberfläche wird die Bühne für die 75 Minuten, die die Aufführung im Theater Kanton Zürich dauert, zum Spiegel. Zu sehen ist in dieser Zeit, was in denMenschen drin ist. Alles kommt hier aus ihnen heraus, auch Stücke von Clafoutis. Aber das ist nur das eine.

Zwei Buben, beide um die elf Jahre alt, sind aneinandergeraten. Der eine hat dem anderen mit einem Stock die Schneidezähne ausgeschlagen. Die Nerven liegen jetzt offen da. Das ist die Vorgeschichte. Um die Sache gütlich zu klären, treffen sich die Eltern der zwei Buben an einem Nachmittag zum Gespräch. Eigentlich gälte es ja nur, das Formular für die Versicherung auszufüllen – «wir sind ja zivilisierte Menschen ». Jetzt aber beginnt das Drama, es kommt zum Zusammenprall. Am Schluss liegt die ganze Welt in Stücken, zumindest die Vorstellung davon, die die Menschen von ihrer Welt gemacht haben. Und es zeigt sich, dass Clafoutis eigentlich keine gute Sache für einen Elternnachmittag ist (dies natürlich besonders in der Kombination mit viel Rum).

Mit «Der Gott des Gemetzels» hat die französische Stückeschreiberin und Schauspielerin Yasmina Reza («Kunst») ihre Erfolgsgeschichte weitergeschrieben: Aus dem Nichts heraus entsteht auch hier ein grosser Konflikt, der die Gesellschaft als ein sehr brüchiges Konstrukt zeigt. Felix Prader ist ein Spezialist für die Welt der Yasmina Reza, er hält sich in seiner Inszenierung ganz an die Vorlage – und macht das Beste daraus: nämlich eine grosse Komödie. Präzis. Furios. Grausam lustig. Eine glänzende Vorstellung.

Brillant sind die Schauspieler. Wie Miriam Wagner als Annette lachen kann, wenn sie das Handy ihres Mannes Alain (Pit Arne Pietz) in der Vase entsorgt hat – und damit einen grossen Teil von ihm. Und wie dann Katharina von Bock als Gegenspielerin Véronique einfach dasitzt und vor sich hin schaut: In ihrem Gesicht ist ein ganzer Roman zu lesen. Und da fällt auch ihr Gut- Mann Michel (Stefan Lahr) aus der Rolle. Man muss das alles sehen.   

© Der Landbote, 28. September 2013

 

 

Ein Lehrstück in Gruppendynamik

Yasmina Rezas «Gott des Gemetzels», die letzte Premiere der Ära Beat Wyrsch, fand im Theater Solothurn begeisterte Zustimmung

Von Charles Linsmayer

Als überraschende Novität lässt sich das Stück, das 2006 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt und seither weltweit unzählige Male gespielt wurde, nicht mehr verkaufen. Mit Felix Prader, der 2005 in Berlin die deutsche Erstaufführung von Yasmina Rezas anderem grossen Hit, «Kunst», verantwortet hat, ist aber ein Regisseur am Werk, der einen ganz besonderen Zugang zu den Stücken der Französin besitzt. Da werden nicht Pointen aneinandergereiht, sondern wird ganz von der Psychologie der Figuren her inszeniert und werden sie nach den Gesetzen der Gruppendynamik vom Small Talk über den Kampf aller gegen alle zu einem Finale in völliger Ausweglosigkeit getrieben.

Auf blutroter Fläche

Bekanntlich geht es darum, dass Ferdinand, der 11-jährige Sohn von Annette und Alain Reille, dem gleichaltrigen Sohn des Ehepaars Veronique und Michel Houille zwei Zähne ausgeschlagen hat und dass die Eltern sich nun treffen, um das Versicherungsformular auszufüllen.

Werner Hutterli hat eine schräg nach vorne abfallende blutrote Spielfläche mit weisser Sitzgruppe in den Raum gebaut und lässt die Figuren von darüber hängenden, deutlich sichtbaren Scheinwerfern beleuchten. In diesem symbolträchtigen Ambiente tröpfelt die Konversation zunächst ganz harmlos daher. Dann aber, sobald Veronique Ferdinands Gesicht als «entstellt» taxiert, eskaliert der Konflikt. Die nächste Stufe ist erreicht, wenn Annette Ferdinand als «Petzer» bezeichnet, und bald steigert sich die Auseinandersetzung, mal Eltern gegen Eltern, mal Männer gegen Frauen, bis dahin, wo Annette sagt, ihr Sohn habe recht gehabt, Ferdinand zu verhauen, während Michel, der den Hamster seiner Tochter getötet hat, sich als «das reinste Charakterschwein» outet und John-Wayne-Verehrer Michel das Wort vom Gott des Gemetzels in den Raum stellt.

Katharina von Bock kapriziert sich als Veronique ganz auf die Rolle der beleidigten Mutter, die stur auf Satisfaktion beharrt, allmählich aber immer mehr die Contenance verliert und sich zuletzt als persönlich Angegriffene gegen alle anderen bis zur Tätlichkeit zur Wehr setzt. Michel, ihr Mann, wird von Stefan Lahr als konfliktscheuer Softie gespielt, der im Alkohol Trost sucht, als er des toten Hamsters wegen unvermittelt als Rabenvater, ja als Mörder dasteht. Pit Arne Pietz ist Alain, Ferdinands Vater, der ununterbrochen am Handy hängt, um eine Sammelklage gegen jenes Blutdruckmittel abzuwenden, mit dem Michels Mutter eben behandelt werden soll. Und er kapituliert erst vor dem Verhängnis, als Annette sein Handy in die Vase mit den weissen Tulpen schmeisst.

Über Kokoschka kotzen

Wobei diese Annette, gespielt von Miriam Wagner, die mit Abstand interessanteste Figur der Aufführung ist. Von allem Anfang an signalisiert sie mit Körpersprache und Mimik, wie sehr sie sich über die ganze Angelegenheit, vor allem aber auch über ihren jovial-angeberischen Mann ärgert. Ihr Unbehagen äussert sich zunächst drastisch-elementar, als sie über den Kokoschka-Bildband der Gastgeber kotzt, aber in dem nachfolgenden Wort-Gemetzel schwingt sie allem Unwohlsein zum Trotz immer mehr oben auf und erlebt schliesslich ihren Triumph, wenn sie sich schreiend vor Lachen auf dem Sofa rekelt, während die Männer vergeblich versuchen, Alains Handy mit dem Föhn wieder gebrauchsfähig zu machen. Die Erleichterung ist allerdings von kurzer Dauer, geht sie doch unter Alkoholeinfluss schon bald in einen endgültigen Zusammenbruch über, bei dem Annette, sich auf dem Boden raufend, unter den weissen Tulpen aus besagter Vase quasi das Gemetzel anrichtet, von dem Alain gesprochen hat.

Von einem einzigen Scheinwerfer beleuchtet, sitzen die vier müde gekämpft auf dem Sofa, als Michel den philosophischen letzten Satz des Stücks von sich gibt: «Was weiss man schon ...»

Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit dem Theater Kanton Zürich und geht ab September mit diesem auf Tournee.

© Der Bund, 26. April 2013

 

 

Gemetzel unter Kultivierten

Im Theater Solothurn fand eine stürmisch gefeierte Premiere von «Gott des Gemetzels » statt

Von Fränzi Rotti-Saner

Als Abschluss der Schauspielsaison 2012/13 und als letzte Inszenierung im alten Stadttheater von Solothurn ist ein Highlight des zeitge­nössischen Theaters zu sehen. «Der Gott des Gemetzels», Yasmina Rezas Erfolgs­stück, eine Zusammenarbeit mit dein Theater des Kantons Zürich, erntete an der Premiere am Freitag tosenden Applaus.

Alain und Annette Reille (Pit Arne Pietz und Miriam Wagner) treffen sich in der Wohnung von Michel und Veronique Houille (Stefan Lahr und Katharina von Bock) in Paris. Es soll eine Aussprache zwischen den Paaren stattfinden, da der elfjährige Ferdinand Reille seinem Schulkollegen Bruno Houille mit einem Stock zwei Zähne ausgeschlagen hat. Man möchte die unangenehme Sache vernünftig besprechen. War Ferdinand «bewaffnet» oder «ausgestattet»? Schon an diesem Wort entzünden sich die Gemüter. Und was wäre der pädagogisch richtige Weg? Dazu noch politisch korrekt sein und seinen bildungskulturellen Hintergrund nicht vergessen. Heikel.

Elfjährige Jungs kloppen sich nun mal, meint Vater Alain, das sei ganz normal und im übrigen habe er keine Zeit, sich um solche Bagatellen zu küm­mern. Denn schon wieder läutet das Handy des viel beschäftigten Anwalts. Seinem Klienten, einer grossen Medikamentenfirma, droht eine Anzeige – das sind doch die wirklich wichtigen Probleme. Stimmt überhaupt nicht, ereifert sich Veronique. Wenn sein Sohn einem anderen Zähne ausschlüge, sei das ein Zeichen von Erziehungs- oder noch schlimmer, von Eheproblemen. Und so nimmt das Drama seinen Lauf. Be- und Entschuldigungen sowie Sticheleien gehen hin und her. Es wird Gebäck, Kaffee und Alkohol aufgetischt. Es wird gekotzt, gelacht, geschrien und geschlagen, Die Ehen der beiden Paare werden in kürzester Zeit seziert: Veronique beschäftigt sich lieber mit der Kunst von Bacon oder dem Drama von Darfur als mit ihrem Mann und den Kindern. Ihr Mann Michel ist eine Windfahne und ein Schwächling, der Küchentöpfe und Wasserhähne verkauft, dafür aber den Hamster seiner Tochter umbringt. Die hypernervöse Annette Reille unterdrückt ihr Alkoholproblem und den Ekel vor ihrem Mann. Und Alain interessiert sich weder für seinen Sohn noch für seine Frau. Das Handy ist sein Leben. So gipfelt denn auch das 80-minütige Kammerspiel im Versenken des Handys im Blumenbouquet von weissen Tulpen, «einen Arm-voll für 15 Euro gekauft. Täglich frisch aus Holland.»

Mit diabolischem Humor und erbarmungsloser Treffsicherheit spiesst Yasmina Reza in ihrem Stück die moderne bürgerliche Gesellschaft auf, die hin-und hergerissen ist zwischen aufgeklärtem, vernünftigem Gutmenschentum und Egoismus. Sie ist überzeugt: So verbindlich und aufgeschlossen wir uns auch geben - am Ende siegt einer: der Gott des Gemetzels.

Die vier Schauspieler unter der Regie von Felix Prader und im Bühnenbild von Hans-Reinhardt-Ringträger Werner Hutterli liefern sich auf der Bühne ein Duell zu acht Fäusten unter Nutzung aller Waffen: von feiner Klinge bis zum Zweihänder. Sie schenken sich - und dem Publikum - nichts. Gebannt verfolgt man den Schlagabtausch, um am Ende erkennen zu können: Es war ja nur Spiel. Doch die Wirklichkeit dauert länger als 80 Minuten.

© Bieler Tagblatt, 26. April 2013

Karneval

30 Minuten Spannung pur

Das Theater Kanton Zürich zeigt „Karneval“

Die erste Premiere dieser Spielzeit widmet das Theater Kanton Zürich einem Stück des katalanischen Autors Jordi Galceran. Ein Thriller zum Mitfiebern.

Von Anne Bagattini

Maria Gerstner ist eine autoritäre Kommissarin, die es gewohnt ist, alles unter Kontrolle zu haben (was auch ihr perfektes Äusseres verrät). Nur ungern lässt sie sich daher von ihrem salopp gekleideten Assistenten Peter Prager Einzelheiten zur ersten Begegnung mit ihrem Mann entlocken. Diese fand nämlich auf einer Damentoilette statt, in die Claude, der spätere Ehemann, sich verirrt hatte. Was genau bewirkt habe, dass er ihr aufgefallen sei, will der geschwätzige Assistent wissen. «Dass er mit der Hose in den Kniekehlen und raushängendem Pimmel zur Tür rein ist», antwortet die Kommissarin. Später hätten sie sich an der Bar wieder getroffen — «und ab da waren wir zusammen»,

Schweizer Erstaufführung

Harmloser als mit einem solchen Büro-tratsch könnte «Karneval» gar nicht beginnen. Jordi Galcerans 2005 uraufgeführtes Stück ist als Schweizer Erstaufführung im Theater Kanton Zürich (TZ) zu sehen, inszeniert von Rüdiger Burbach, dem künstlerischen Leiter. «Die Grönholm-Methode», ein früheres Werk des katalanischen Theaterautors, gehört bereits seit drei Jahren zum TZ-Repertoire. Beate Fassnacht hat für «Karneval» eine Art Guckkas­tenbühne geschaffen, die den Blick freigibt auf ein grünlich-graues, ziemlich steriles Amtszimmer mit drei Schreibtischen: zwei am Rand mit kleinen Bildschirmen, einer in der Mitte mit grossem Monitor. Hier thront Kommissarin Gerstner (Katharina von Bock) — und mahnt ihre Untergebenen Peter Prager (Gerrit Frers) und Robert Schäfer (Daniel Hajdu) zur Arbeit. Es gibt nämlich einen brisanten Fall zu lösen: Vor zwei Tagen ist ein dreijähriger Junge spurlos verschwunden. Seither laufen sämtliche Ermittlungen ins Leere. Auch eine nochmalige Befragung der verzweifelten Mutter (Miriam Wagner) bringt keine neuen Erkenntnisse. Bis dahin dümpelt die Aufführung etwas vor sich hin; immerhin überzeugen die Schauspieler sehr, allen voran Katharina von Bock. Entschieden Fahrt nimmt «Karneval» in dem Moment auf, als die Ermittler den Hinweis auf eine Website bekommen, auf der das ver­misste Kind live zu sehen ist verbunden mit einer Bombe, die in 30 Minuten explodieren soll. Was folgt, ist der reinste Thriller: Spannung pur, wie sie im Theater selten zu erleben ist. Sind Terroristen am Werk? Sektenmitglie­der? Eine Frau mit Mutterwahn?

Mitfiebern

Die Polizisten verfolgen eine Fährte nach der anderen, jedoch ohne Resultat. Und auch Anna (Judith Cuénod), die junge Kollegin von der Internetkrimina­lität, ist keine grosse Hilfe. Immerhin sorgt sie mit ihrem provokativ lässigen Auftreten für einige witzige Momente in dem hektischen Geschehen auf der Bühne, das einem als Zuschauerin (und Mutter) extrem nahe geht. Was könnte es Schlimmeres geben, als das eigene Kind per Live-Übertragung sterben zu sehen? Man fiebert derart mit, dass die halbe Stunde so schnell vorbei ist wie noch kaum je im Theater.

Wie die Sache mit der Bombe ausgeht, sei hier nicht verraten. Nur so viel, dass das Stück symmetrisch angelegt ist: Der belanglose Einstieg hat eine Ent­sprechung am Schluss. Und so bleibt denn, bei aller Begeisterung über den äusserst spannenden Mittelteil, ein etwas schaler Nachgeschmack.

© Neue Zürcher Zeitung, 7.September 2013

 

Was bleibt, ist die Angst

Ein Junge wird an eine Zeitbombe angeschlossen, das Ganze live im Internet übertragen. Der Thriller «Karneval» sorgte bei der Premiere im Theater Kanton Zürich für viel Spannung.

Von Claudia Peter

Dreissig Minuten bleiben Kommissarin Gerstner und ihrem Team, um den Fall zu lösen. Dreissig Minuten, bevor die Bombe explodiert und den vermissten dreijährigen Jungen in Fetzen reisst. Die ganze Welt wird ebendies im Internet in Echtzeit verfolgen können. Und Kommissarin Gerstner hat nicht den Hauch einer Spur. Mit der Premiere von «Karneval» startete das Theater Kanton Zürich am Donnerstag in die neue Spielzeit. Der Spanier Jordi Galceran, Autor des Erfolgsstückes «Die Grönholm-Methode », schrieb mit diesem Stück einen Thriller fürs Theater. Reduziert auf die erzähltechnischen Mittel der Bühne, sorgt das Stück unter der Regie von Rüdiger Burbach für Hochspannung im Saal. Es gibt nur einen Schauplatz.

 «Sieh dein Kind sterben!»

Im Büro des Kommissariats arbeiten Gerstner und ihre beiden Mitarbeiter mit Hochdruck an dem Fall. Hier lassen sie alle Fäden der Recherche zusammenlaufen. Und hier verfolgen sie über den Bildschirm, wie das perfide Spiel der Entführer sein Ende nimmt. Dank Internet und Telefon brauchen sie diesen Raum kaum je zu verlassen. Bis sich ihnen irgendwann die Frage stellt: Wie wissen wir eigentlich, ob sich das auf dem Bildschirm tatsächlich genau so und genau jetzt abspielt? Und wenn wir es nicht wissen, dürfen wir das Leben des Jungen davon abhängig machen, dass wir an der Echtheit der Aufnahmen zweifeln? Die Handlung ist an sich simpel. Ein dreijähriger Junge verschwindet im Park. Die Mutter, alleinerziehend ohne grosses soziales Netzwerk, hat nichts Auffälliges beobachtet und kennt niemanden, der ihr so etwas antun könnte. Der Fall dümpelt seit zwei Tagen ohne Fortschritte vor sich hin. Bis die Entführer anonym eine Website angeben, wo via Live-Übertragung der schlafende Junge gezeigt wird. Eine als Hexe verkleidete Person bringt am Bettchen eine Zeitbombe an. Der Name der Website lautet: «Sieh dein Kind sterben!» Es gibt keine Forderungen und keine Gruppierung, die sich zur Entführung bekennt. Und es bleiben nur dreissig Minuten Zeit, und die zerrinnen schnell, sehr schnell. Das Stück spielt mit den grossen Ängsten der Menschen. Mit dem Unbehagen, dass hier Terror nur um des Terrors Willen verübt wird, und mit der Mühe der Figuren, dies so zu akzeptieren. Grausam ist die Erkenntnis, dass mit den heutigen technischen Mitteln praktisch jeder so etwas tun könnte und das Polizeiteam absolut nichts dagegen unternehmen kann.

Achterbahnfahrt

Örtlich und personal verdichtet auf die kleine Gruppe im Kommissariatsbüro, entsteht eine dreissigminütige Achterbahnfahrt durch Terrortheorien, Verzweiflung, Resignation und rabenschwarze Situationskomik. Herausragend dabei die Darbietung von Katharina von Bock als Kommissarin Gerstner. Hin- und hergerissen zwischen ihrer Rolle als kühl kombinierende Kommissarin und Mutter eines vierjährigen Sohnes, versucht sie hinter dem Vorgehen der Entführer einen Sinn zu sehen – und scheitert mit jeder neuen Theorie. Auch Miriam Wagner beeindruckt durch ihre Präsenz und Intensität als Mutter Laura Fischer, die mit dem drohenden Tod ihres Sohnes klarzukommen sucht. Die anderen drei Figuren, gespielt durch Gerrit Frers, Daniel Hajdu und Judith Cuénod, sind etwas stereotyp angelegt. Dies ist aber gut so. Denn vor diesem Hintergrund wirkte die Unbegreiflichkeit des Entführungsfalles nur umso stärker.

© Der Landbote, 7.September 2013

 

Ein wahnwitziger Countdown in Winterthur

Von Adrian Schräder

Winterthur, Theater Kanton Zürich – Thriller nennt sich das, was das Theater Kanton Zürich zum Saisonstart präsentiert. Und es fühlt sich auch genau so an: Nervös rutschen die Zuschauer auf ihren Holzsitzen herum, fiebern dem Ende des 30-minütigen Countdowns entgegen, der im Stück zeitlich eins zu eins runterläuft. Es ist wahrlich kein entspanntes Zuschauen. Denn: Eine Bombe tickt, ein Kind ist in Gefahr.

Das Stück des Katalanen Jordi Galceran, das nun zur Schweizer Erstaufführung kam, fängt die Geschehnisse rund um eine Kindsentführung ein. Schauplatz ist ein nüchternes Büro der Kriminalpolizei, in dem ständig irgendwo das Telefon klingelt und Mutter, Kommissarin und zwei Polizisten machtlos verfolgen, was mit dem Kind passiert. Online, per Webcam. Denn die Entführer machen alles publik, ohne sich zu erkennen zu geben, ohne Forderungen zu stellen.

Regisseur Rüdiger Burbach inszeniert das Drama ums Nebeneinander von Beruflichem und Privatem, um das Absurde des Büroalltags, um Anteilnahme und Konventionen, Virtuelles und Reales mit einer Liebe für besondere Typen. Die Polizisten – mal hoch motiviert, mal ratlos, mal völlig woanders, aber immer zutiefst menschlich – wirken authentisch. Genau wie die Fixierung auf den Bildschirm, auf dem sich, wie heute oft, die Haupthandlung abspielt. Für den Zuschauer ist sie nur gebrochen, in der Reaktion der Schauspieler, erlebbar.

© Tages-Anzeiger, 7.September 2013

 

Dracula

Kinder der Nacht

Fehraltorf. Ganz schön gruselig. Und doch ein grosser Spass. Das Theater Kanton Zürich zeigt «Dracula» nach Bram Stoker. Blutspenden kann das Publikum auch. 

Von Stefan Busz

Dunkle Wolken, die Geistern gleichen, sie ziehen am Dienstag zur Premiere von «Dracula» am Himmel über Fehr­altorf auf – die diesjährige Freilichtproduktion des Theaters Kanton Zürich startete indoor. Doch in der Mehrzweckhalle Heiget, die Ort des schaurig-schönen Schauspiels ist, lenkt nichts von Bram Stokers Tribute to Blutdurst und Unsterblichkeit aus dem Jahr 1897 ab. Alles ist hier kon­zen­triert auf ein grosses Spiel: Wie der Vampir in die Welt gekommen ist, was sich gegen ihn machen lässt. Und manchmal zwinkert er uns auch aus der Ferne zu.

Regisseur Manuel Bürgin hat zusammen mit dem Dramaturgen Uwe Heinrichs eine Textfassung erarbeitet, die Bram Stokers grossen Roman, der Liebesgeschichte, Schauerdrama und ganz viele andere Sachen mehr ist, auf alle Seiten lesen lässt.

Pünktchen, Pünktchen

Die Vorstellung beginnt ganz im Dunkeln und geht dann in zwei Stunden inklusive Pause bis ans Ende einer Nacht, wo sich alles wieder aufhellt. Wir sind in dieser Zeit auf den Klippen des Seebades an der englischen Küste, wo das Schiff, das Erde aus Transsilvanien ­gebunkert hat, gestrandet ist. Die Ankunft eines Fremden, der unsichtbar bleibt, macht eine Frau kirre – Dracula hinterlässt auf ihrem Körper nicht mehr als ein Pünktchen, Pünktchen. Grosses Geheimnis. Die Männer machen sich auf die Jagd nach dem Geist, sie wollen das Böse, das in ihre Welt gekommen ist, stoppen. Und sie machen dies mit den Mitteln, die Männer in solchen Si­tua­tio­nen zur Verfügung haben: Kreuz, Knoblauch, Vorschlaghammer.

Die Reise geht weiter an den Ort, wo das ganze Unheil begonnen hat: auf das Schloss von Dracula in Transsilvanien, und dann wieder zurück in die Gegenwart zum Showdown. Die Bühne, die Kathrine von Hellermann für diesen «Dracula» hingestellt hat, bleibt aber immer dieselbe. Ein Holzkonstrukt gibt für alle Vorstellungen Raum.

Das Podest ist der Tisch, an dem die Schauspieler zuerst aus Bram Stokers Text lesen. Hier finden sie dann zu ihren Figuren, jeder für sich, alle zusammen. Durch die vielen Luken auf der Bühne kommen sie weiter in das ­Innere dieser Geschichte hinein. Eine sehr schöne Konstruktion, wie sich ein Roman im Theater einfach und elegant umsetzen lässt. Und ist einmal eine Figur in diesem Gehäuse gefangen, wie Judith Cuénod, die Lucy, ein Dracula-Opfer, gibt, dann hilft ihr doch ein Mitspieler später wieder hinaus. Niemand bleibt in dieser Vorstellung allein. Die Figuren können hier eben auch neben ihrer Rolle stehen, wie Sandro Corbat, der einen Verrückten spielt und ein ganz wunderbarer Begleitmusiker ist.

Dracula: Ihn gibt Manuel Bürgin selber. Der Regisseur ist für einen Schauspieler, der erkrankte, sehr kurzfristig eingesprungen. Und es ist, als sei er mit den anderen schon ewig unterwegs auf dieser Bühne: mit Andreas Storm, der ein Geisterjäger wie aus dem Buch ist, mit Vivianne Mösli, die die Mina spielt, mit Brencis Udris, ihrem Verlobten. Ein tolles En­sem­ble, das für diesen «Dracula» zusammengekommen ist. Das Publikum ist an diesen Kreislauf der Liebe und des Schreckens angeschlossen. Es könnte Blut spenden. Und spendet dann vor allem Applaus.

Der Landbote, 30. Mai 2013

 

In Winterthur wütet ein grandioser Dracula

Von Isabel Hemmel

Winterthur, Theater Kanton Zürich – Man möchte klatschen. Lange. Und ach, wie hätte der Abend werden können, wenn auch Petrus diesem «Dracula» etwas geneigter gewesen wäre. Aber die Kirche hat es bekanntlich nicht so mit Untoten. Also musste das Freilichtstück des Theaters Kanton Zürich bei der Premiere ohne Glockengeläut und Nachtluft auskommen. Der Fürst der Finsternis macht aber auch indoor eine gute Figur. Doch bis er die zeigt, dauerts. Zu Anfang berichten uns die sechs Mitwirkenden (darunter Regisseur Manuel Bürgin, der sehr überzeugend einen erkrankten Darsteller ersetzt) aus Briefen, Tage- und Logbucheinträgen. Ganz so, wie es Bram Stokers Roman vorgibt. Und schnell wird klar: Etwas ist faul im Königreich England.

Nicht nur, dass bereits eine ganze Schiffscrew verschwunden ist. Auch die junge Lucy ( Judith Cuénod) taumelt zunehmend anämisch über die Bühne und windet sich wollüstig auf ihrer weissen Matratze. Der Grund dafür zeigt sich kurz vor der Pause. Mit nacktem Oberkörper und schwarzer Strumpfhose über den Augen beisst der Graf ihr ein letztes Mal in den zarten Hals, bis das Blut rinnt. Doch bevor Professor Van Helsing (Andreas Storm) zur Jagd bläst, stösst Lucys Verlobter (Brencis Udris) der Unseligen noch lustvoll angewidert einen Pfahl ins Herz. «Dracula» ist eine grandiose Mischung aus gruseligem B-Movie und selbstironischem Theater – manchmal trashig, nie albern. Ein Abend, dem man die ernsthafte Beschäftigung mit der Vorlage stets ansieht. Und der ohne das prima Ensemble, die hart arbeitende Nebelmaschine und Sandro Corbats atmosphärischen Soundtrack wohl nur halb so viel Applaus bekommen hätte.

Tages Anzeiger, 4. Juni 2013

 

Bluttransfusion mit der Gummiboot-Pumpe.

«Dracula» heisst die diesjährige Freilichtproduktion des Theaters Kanton Zürich. Der schaurig-schöne Theaterabend wird in den kommenden Wochen das Gruseln (und gleichzeitig viel Heiterkeit) in die Zürcher Städte und Dörfer bringen.

Von Anne Bagattini

Petrus scheint ein Angsthase zu sein. Dieser «Dracula» wäre draussen mit Sicherheit viel grusliger gewesen. Man stelle sich vor: Blätterrauschen, ein Knacken hier, ein Rascheln dort, Mondlicht und mit etwas Glück vielleicht sogar Fledermäuse. Mit einem erneuten Schlechtwettereinbruch – immerhin eingeleitet durch ein absolut Dracula-würdiges Gewitter – hat der Wettergott dem Theater Kanton Zürich (TZ) am Dienstagabend aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Premiere von «Dracula» fand nicht im Freien auf der Fehraltorfer Schulanlage Heiget statt, sondern in der Mehrzweckhalle. Turnhallen-Ambiente statt Freilichtspektakel also.

Kein leichtes Unterfangen

Der Regisseur Manuel Bürgin, bereits für «Don Juan», die TZ-Sommerproduktion 2011, verantwortlich, hat Bram Stokers berühmten, 1897 veröffentlichten Roman für die Bühne bearbeitet: ein gar nicht so leichtes Unterfangen, das er jedoch gekonnt gemeistert hat. Stokers Vampirroman ist ja nicht ein fortlaufender Text, sondern er besteht aus aneinandergereihten, fein säuberlich datierten Tagebucheinträgen, Briefen, Zeitungsausschnitten und weiteren Dokumenten. Bürgin hält an dieser Struktur fest und eröffnet den Theaterabend denn auch mit Stokers Hinweis an die Leserschaft: «Wie die Reihenfolge dieser Schriftstücke zustande kam, erschliesst sich bei der Lektüre. Alles Unnötige wurde fortgelassen, damit die Geschichte – selbst wenn sie nachfolgenden Generationen unglaubwürdig erscheinen mag – so schlicht wie ein Tatsachenbericht vor uns steht.»

Die Bühne (Kathrine von Hellermann) besteht aus einer quadratischen Fläche aus Holz, knapp einen Meter vom Boden erhöht. Darum herum nehmen die zwei Schauspielerinnen und vier Schauspieler in ihren Jahrhundertwende-Kostümen (Regine Standfuss) Platz wie an einem riesigen Tisch. Liest nun etwa Lucy Westenra (Judith Cuénod) ihren Brief an Mina Murray vom 24. Mai vor, so tut sie dies zunächst einmal sitzend. Doch bald schon, wenn sie von den drei Heiratsanträgen erzählt, die sie an einem einzigen Tag bekommen hat, betritt sie die Bühne und spielt die Szenen mit den drei verschiedenen Anwärtern. Weil auf Anhieb niemand den zweiten Heiratskandidaten, den Texaner Quincey P. Morris nämlich, spielen will, schlüpft Vivianne Mösli (sonst Lucys Freundin Mina) kurzerhand in einen Pelzmantel und gibt den grossspurigen Amerikaner so überzeugend, dass Lucy schmachtend fragt: «Warum darf ein Mädchen nicht drei Männer heiraten?»

Neben Brencis Udris, Andreas Storm und Sandro Corbat, die alle mehrere Rollen spielen, steht auch Manuel Bürgin auf der Bühne; der Regisseur (und Schauspieler) springt ein für den kurzfristig erkrankten Benjamin Kradolfer. Sämtliche Darsteller sind mit offensichtlicher Begeisterung bei der Sache. Und das wundert nicht, muss es doch grossen Spass machen, diese überzeichneten Figuren zu spielen: hysterische Frauen, heldenhafte Männer, wichtigtuerische Gelehrte, gierige Vampire. Dracula selbst, der erst im zweiten Teil der Aufführung, wenn Jonathan Harkers Erlebnisse in Transsilvanien erzählt und teilweise gespielt werden, so richtig zum Zuge kommt, wird übrigens von drei verschiedenen Schauspielern verkörpert. Alle haben sie lange Fingernägel, und sie tragen einen schwarzen Umhang und eine Mütze, die bloss Kinn und Mund freilässt. Draculas verwinkeltes Schloss mitsamt Gruft, in welcher der Graf sich tagsüber zur Ruhe legt, werden durch raffinierte Bodenklappen in der Bühnenfläche dargestellt.

Temporeiche Inszenierung

Eine Szene aus dieser temporeichen Inszenierung, deren Spannung einzig kurz vor Schluss etwas nachlässt, wird einem als besonders komisch in Erinnerung bleiben. Nachdem Lucy bereits mehrfach von Dracula gebissen worden ist, leidet sie, wen wundert's, an akuter Blutarmut und bekommt auf Anweisung von Professor van Helsing Bluttransfusionen. Die drei Verehrer der jungen Frau öffnen bereitwillig ihre Adern. Es erscheint dann jeweils aus einer Bodenluke eine Gummibootpumpe mit zwei ziemlich dicken Schläuchen. An einen davon wird die anämische Frau angehängt, an den andern der Blutspender. Der Texaner Morris, der als Letzter an der Reihe ist, singt während der Transfusion «Come on baby, get ready for the show» und pumpt im Takt dazu. Die reglos auf einer Matratze liegende Lucy wird derweil bei jedem Pumpstoss in eine sitzende Position katapultiert, um danach gleich wieder schlaff zusammenzusinken.

Übrigens: Ein bisschen gruslig ist dieser Dracula schon, auch wenn er in der Mehrzweckhalle gezeigt wird. Beim nächtlichen Gang zum Parkplatz schaut man sich eindeutig mehr um als sonst, und im Auto verriegelt man vorsorglich die Türen – man weiss ja nie . . .

Neue Zürcher Zeitung, 30. Mai 2013

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