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Das Käthchen von Heilbronn

oder Die Feuerprobe. Ein grosses historisches Ritterschauspiel von Heinrich von Kleist

THEOBALD 

Geschirr und Becher und Imbiss, da sie den Ritter erblickt, lässt sie fallen; und leichenbleich, mit Händen, wie zur Anbetung ver­schränkt, stürzt sie vor ihm nieder, als ob sie ein Blitz nieder geschmettert hätte! Und da ich sage: Herr meines Lebens! Was fehlt dem Kind? schlingt sie, wie ein Taschenmesser zusammenfallend, den Arm um mich, das Antlitz flammend auf ihn gerichtet, als ob sie eine Erscheinung hätte. Der Graf vom Strahl, indem er ihre Hand nimmt, fragt: wes ist das Kind? 

Er schaut das Mädchen gedankenvoll an, küsst ihr die Stirn und spricht: der Herr segne dich, und behüte dich, und schenke dir seinen Frieden, Amen! Und da wir an das Fenster treten: schmeisst sich das Mädchen, in dem Augenblick, da er den Streithengst besteigt, dreissig Fuss hoch auf das Pflaster der Strasse nieder: gleich einer Verlorenen, die ihrer fünf Sinne beraubt ist! Und bricht sich beide Lenden – Hier liegt sie nun, auf dem Todbett, in der Glut des hitzigen Fiebers, sechs endlose Wochen, ohne sich zu regen. Keinen Laut bringt sie hervor; kein Mensch vermag das Geheimnis, das in ihr waltet, ihr zu entlocken. Und prüft, da sie sich ein wenig erholt hat, den Schritt, und schnürt ihr Bündel, und tritt, beim Strahl der Morgensonne, in die Tür: wohin? fragt sie die Magd; zum Grafen Wetter vom Strahl, antwortet sie, und verschwindet.

Eines Tages im Mittelalter kommt der tapfere Ritter Friedrich Wetter vom Strahl mit einer kleinen Reparaturarbeit an seiner Rüstung zu Theobald Friedeborn, dem Waffenschmied am Marktplatz von Heilbronn. In der Schmiede begegnet der Ritter der Tochter des Waffenschmieds: Katharina, genannt Käthchen. Und von dem Augenblick an, in dem das Käthchen zum ersten Mal den Ritter erblickt, kann sie nicht mehr anders: sie muss ihm folgen – wie der Blitz schlägt der Ritter vom Strahl in ihrem Leben ein. Sie springt ihm aus dem Fenster hinterher, verletzt sich dabei lebensgefährlich, doch kaum ist sie genesen, folgt sie ihm «wie ein Hund», lagert in seinen Ställen, und als der Ritter sie mit der Peitsche davonjagt, verzieht sie sich unter einen Holunderbusch vor seinem Schloss Wetterstrahl. Dieser Zustand dauert an, bis Käthchens Vater den Grafen vor Gericht der teuflischen Künste und Verführung seiner Tochter anklagt. Was für Käthchen Gewissheit ist, ahnt der launische Graf bloss: Die Vorsehung hat Käthchen und ihn füreinander bestimmt. In einem parallelen Traum waren sie einander bereits begegnet, zusammengeführt von einem Cherub. Friedrich muss den Traum erst über Umwege entschlüsseln: Er missversteht manches Zeichen und läuft in die Arme seiner Feindin, der Kunigunde von Thurneck … Für das glückliche Ende bedarf es einer ausgerechnet von Kunigunde angezettelten Probe, in der Käthchen ihr Leben riskiert – es ist die «Feuerprobe» … 

Kleists «Das Käthchen von Heilbronn» von 1810 ist Zaubermärchen, Schauerroman, Ritterdrama und Legende zugleich. Es mischt alle Motive des Phantastischen und Wunderbaren aus diesen Genres: das Motiv der falschen und echten Braut, der unerkannten Kaisertochter, der Giftmischerei der Hexe, des Gottesgerichts, der Schutzengel. Kleist treibt es mit den phantastischen Zufällen, den Geschichtsdaten, den Genres ziemlich bunt und besorgt so ein glückliches Ende, das deutlich macht, welche Gewalt es braucht, Käthchens und Friedrichs Traum von der Eindeutigkeit ihrer Liebe gegen alle Widersprüche in der Wirklichkeit durchzusetzen. 

Die Zürcher Regisseurin Barbara-David Brüesch spürt nach «Nora» und «Endstation Sehnsucht» wieder einem grossen Frauenschicksal nach.

Heinrich von Kleist, geboren am 18.10.1777 in Frankfurt/Oder. 1792 trat er in das Potsdamer Garderegiment ein. Kleist nahm am Rheinfeldzug teil, wurde Leutnant und schied 1799 freiwillig aus dem Dienst aus. Er studierte Philosophie, Physik, Mathematik und Staatswissenschaft und trat 1804 in den preussischen Staatsdienst ein. Ohne literarischen Erfolg, an menschlichen Bindungen zweifelnd und über die politische Lage ver­zweifelt, nahm er sich am 21.11.1811 gemeinsam mit der unheilbar kranken Henriette Vogel am Berliner Wannsee das Leben. Stücke u. a.: «Amphitryon», «Penthesilea», «Der zerbrochne Krug». Erzählungen u.a.: «Die Marquise von O.», «Michael Kohlhaas», «Das Erdbeben von Chili».

Barbara-David Brüesch, geboren in Chur, studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Seit 2001 Inszenierungen an verschiedenen Häusern im In- und Ausland. In Deutschland u.a. am TiF/Staatsschauspiel Dresden, am Theater Mainz am Staatstheater Stuttgart. In Österreich am Schauspielhaus Graz, sowie mehrfach am Schauspielhaus Wien, in Koproduktionen mit den Wiener Festwochen, den Bregenzer Festspielen und der Ruhrtriennale. In der Schweiz u.a. an der Gessnerallee Zürich, am Theater Neumarkt, in Bern, Basel, Chur und Luzern sowie für die Schlossoper Haldenstein.  Am Theater Kanton Zürich inszenierte Barbara-David Brüesch «Kabale und Liebe», «Die Möwe», «Nora oder Ein Puppenhaus», «Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone» und «Endstation Sehnsucht». Seit der Spielzeit 2016/2017 ist sie Hausregisseurin am Theater St. Gallen. Dort inszenierte sie zuletzt Shakespeares «Hamlet» und Wolfram Lotz‘ «Einige Nachrichten an das All».

Mit:

Joachim Aeschlimann (Kunigunde von Thurneck), Nicolas Batthyany (Gottschalk), Katharina von Bock (Gräfin Helena), Michael von Burg (Georg von Waldstätten / Rheingraf vom Stein) Julka Duda (Käthchen), Matthias Kurmann (Friedrich Wetter, Graf vom Strahl), Stefan Lahr (Maximilian, Burggraf von Freiburg / Eginhardt von der Wart), Andreas Storm (Theobald Friedeborn)

Regie

Barbara-David Brüesch

Bühne

Corinne L. Rusch

Kostüme

Karin Jud

Premiere

25.01.2018

Spieldauer

ca. 2 1/2 Stunden, inkl. 20minütiger Pause nach dem 3. Akt.

Trailer zum Stück

Pressezitate

«Ein tolles Ensemble.» Tages-Anzeiger

«Die TZ-Aufführung ist lustig. Lustvoll schmeisst sie sich in Ritter-Klischees.» NZZ

«Zu geniessen gab es ganz einfach richtig grosse Schauspielkunst.» Südostschweiz

«Katharina von Bock schafft etwas, was keine andere Schauspielerin kann: sie spricht Kleist mit Silberzwiebeln im Mund.» Tages-Anzeiger

«Regisseurin Brüesch geht in ihrer Inszenierung radikal zu Werke... es wurde herzlich applaudiert.» Bündner Tagblatt

«Definitiv keine Komödie, auch weil Julka Duda die Titelfigur das Käthchen wie von ausserhalb dieser Welt zeigt.» NZZ

«Was will man mehr von einem Theaterabend, als dass man alles vergisst - nicht nur die Zeit. Man schaut nur, lauscht und staunt. Nicht so oft passiert es wohl auch im Theater Chur, dass die Besucher erschrocken blinzeln, wenn das Licht zur Pause angeht. Viele wären lieber drin geblieben in dieser seltsamen Geschichte und der Welt voll intensiver Gefühle und heftiger Aktionen.» Südostschweiz

«Stefan Lahr und Nicolas Batthyany geben ihre Diener, als ständen sie einer Opera buffa, Michael von Burgs Ritter ist von so trauriger Gestalt, dass er sich am allermeisten selber bemitleidet - ihnen zuzuschauen macht einfach Spass.» NZZ

«Die Zuschauer wurden sofort hineingezogen in die Handlung, deren Spannung nie nachliess.» Südostschweiz

«In der halben Stunde nach der Pause, wenn Georg Lendorffs Videos Corinne L. Ruschs schwarze Bühne bunter machen und das junge Paar wie die Regie sehr fein zeigt, sich sachte eingesteht, dass die Chose eigentlich längst klar ist, rückt das Laute und Lustige plötzlich in den Hintergrund.» NZZ

«Fazit des Abends: Bitte mehr davon!» Südostschweiz