Die Möwe

von Anton Tschechow | Regie: Barbara-David Brüesch

Deutsch von Angela Schanelec

Trigorin zu NinaMir ist ein Motiv eingefallen: Am Ufer eines Sees lebt von Kindheit an ein Mädchen, so eins wie Sie. Das Mädchen liebt den See wie eine Möwe und ist glücklich und frei wie eine Möwe. Aber eines Tages kommt ein Mann, sieht das Mädchen und bringt es um, wie diese Möwe, aus lauter Überdruss.

Ein lauer Sommerabend auf dem Landsitz der gefeierten Schauspielerin Arkadina. Ihr Sohn Kostja, ein vielversprechender Nachwuchsautor, hat ein Theaterstück geschrieben. Damit hofft er die Sommergesellschaft seiner Mutter zu beeindrucken, insbesondere den neuen Geliebten der Mutter, den vielgerühmten Schriftsteller Trigorin. Spielen wird die junge Nina, in die Kostja unsterblich verliebt ist und die davon träumt Schauspielerin zu werden. Während der Aufführung fühlt sich Kostja vor allem durch Zwischenrufe seiner Mutter zunehmend verhöhnt, miss- und unverstanden. Er bricht die Vorstellung ab und verlässt wütend das Freilicht-theater. Kostja leidet aber nicht nur unter der scheinbar mangelnden künstlerischen Anerkennung durch seine Mutter und ihres Gefährten. Ganz schlimm wird es für ihn, als er herausfindet, dass Nina seine Liebe nicht erwidert und ausgerechnet dem verhassten Literaturstar Trigorin verfällt.

Die vergebliche Liebe und der vergebliche Wunsch nach Anerkennung sind zentrale Themen in Tschechows Möwe. Denn hier lieben alle «falsch». Der Lehrer liebt Mascha, Mascha liebt Kostja, Kostja liebt Nina, Nina liebt Trigorin. Tschechows Menschen sind liebenswert in ihrem Liebes-Unvermögen, man möchte sie schütteln, wenn sie über Kunst, Theater, Literatur reden und sich über ihr ungelebtes Leben beklagen. Gibt es doch objektiv kaum Grund zur Klage – sind sie doch alle relativ erfolgreich, satt und gesund – aber es scheint ihrem Dasein der Sinn zu fehlen.

Eine Komödie hat Tschechow dieses bittersüsse Kaleidoskop der menschlichen Unzulänglichkeiten genannt und zielte offenbar dabei auf die empfundene Freude des Zuschauers beim Wiedererkennen eigener Nöte: Warum nur, fragt man sich, ist das Glück so schwer zu finden? Tschechow gelingt es, die widersprüchlichen Gefühle seiner Figuren in ihrer Alltäglichkeit und ihrem Leerlauf innerhalb einer saturierten Gesellschaft glaubhaft und nachvollziehbar widerzuspiegeln, und vernachlässigt gleichzeitig dabei deren unbewusst komische Wirkung nicht.

Die Möwe ist reich an vielschichtigen Dialogen und psychologisch genau beobachteten Figurenkonstellationen. Dank ihrer atmosphärischen Dichte ist sie zu einem Klassiker der Weltliteratur geworden.

Anton Tschechow wird am 29. Januar 1860 in Taganrog am Asowschen Meer geboren. Sein Vater ist in seiner Kindheit noch ein Leibeigener gewesen. Mit diesem Makel behaftet, wächst Tschechow in einer kleinbürgerlichen Umgebung auf und besucht das Gymnasium. In Moskau studiert er Medizin und praktiziert danach einige Zeit als Arzt. Ab 1880 schreibt er für humoristische Zeitschriften. In den 1890er Jahren wird der zunächst unpolitische Tschechow durch die Verschärfung der sozialen Widersprüche im Zarismus politisiert. 1890 unternimmt er eine Reise zu der sibirischen Insel Sachalin, um über die Zwangsarbeit der Verbannten zu berichten. Er organisiert Hilfsmassnahmen für Opfer von Hunger- und Choleraepidemien und übt immer lauter Kritik an den herrschenden Zuständen. Tschechow verfasst Erzählungen und Dramen und entwickelt beide Gattungen massgeblich weiter. Zu seinen bekannten Novellen zählen «Die Steppe» (1888), «Eine langweilige Geschichte» (1889), «Das Duell» (1891) und «Die Dame mit dem Hündchen» (1899). Für die Bühne schreibt er zunächst possenartige Einakter, dann lange Zeit gar nichts. Die grosse Anerkennung als Dramatiker findet er erst mit den Stücken «Die Möwe», «Onkel Wanja», «Drei Schwestern» und «Der Kirschgarten», die zwischen 1896 und 1904 entstehen. Ab 1884 leidet Tschechow an Lungentuberkulose, weshalb er ab 1898 in Jalta auf der Krim lebt. 1901 heiratet er die Schauspielerin Olga Knipper. Sie begleitet ihn zur Kur ins deutsche Badenweiler, wo er am 15. Juli 1904 stirbt.

Barbara-David Brüesch, geboren in Chur, studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Inszenierungen am TiF/Staatsschauspiel Dresden, am Theaterhaus Gessnerallee, am Theater Neumarkt, am Theater Chur sowie am Stadttheater Bern. Seit 2005 regelmässig Inszenierungen am Staatstheater Stuttgart (u.a. «Fräulein Julie» von Strindberg, «Emilia Galotti» von Lessing, «Eines langen Tages Reise in die Nacht» von O’Neill); am Staatstheater Mainz (Shakespeares «Hamlet», Tolstois «Anna Karenina»), am Schauspielhaus Wien, am Luzerner Theater («Schuld und Sühne» nach Dostojewski) und am Schauspielhaus Graz («Fröhliche Geister» von Noel Coward). Das Projekt «Der zweite Sonntag im Mai» wurde zum Impulse-Festival eingeladen, «Die zehn Gebote» vom Schauspielhaus Wien an die Ruhrtriennale 2010. 2004 erhielt sie eine Einladung zum Festival «radikal jung» nach München, 2005 an die Werkstatttage des Burgtheaters Wien. Barbara-David Brüesch ist Trägerin des Förderpreises der Stadt Chur sowie des Kantons Graubünden, der Stadt Berlin und vom Eliette-von-Karajan-Kulturpreis. Am Theater Kanton Zürich inszenierte sie 2011/2012 Friedrich Schillers «Kabale und Liebe».

Regie: Barbara-David Brüesch 

Bühne: Damian Hitz 

Kostüme: Karin Jud

Musik: Gaudenz Badrutt, Christian Müller

Es spielen: Jaap Achterberg (Schamrajew) Katharina von Bock (Arkadina) Vera Bommer (Mascha) Silke Geertz (Polina) Pascal Goffin (Kostja) Stefan Lahr (Dorn) Pit Arne Pietz (Trigorin) Andreas Storm (Sorin) Brencis Udris (Medwedenko) Miriam Wagner (Nina)

Premiere: 23. Oktober 2012 im Theater Winterthur

Spieldauer: ca. 2 Stunden 20 Minuten. Pause nach dem 3. Akt.

Koproduktion mit dem Theater Winterthur

 

Im Herbst 2012 hat die Zürcher Filmemacherin Eva Vitija einen Dokumentarfilm über unser Ensemblemitglied Andreas Storm gedreht. Zusätzlich hat sie einen Kurzfilm über den Premierentag der «Möwe» gemacht. Diesen Film möchten wir Ihnen nicht vorenthalten. Viel Spass beim Anschauen! (Zum Einloggen benötigen Sie das Passwort Andreas.)
http://vimeo.com/64446310

«Und genauso unerfüllt, überspannt und trotzig bleiben die anderen Gestalten in diesem Stück, das Tschechow lustigerweise mit Komödie überschrieben hat. In Winterthur ist es jetzt in einer präzisen, schattenreichen Inszenierung zu sehen, der kein Gramm zu viel anhaftet.» Tages-Anzeiger

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