Der Schauspieldirektor

Der Tenor unter dem Reifrock

Das Zürcher Opernhaus und das Theater Kanton Zürich tun sich zusammen: zu einer hinreissend unmöglichen Theatertruppe.

Von Susanne Kübler, Winterthur

Auch Schauspieler und Sängerinnen blödeln manchmal gern und warum nicht mit Mozart? Der hat in seinem Singspiel «Der Schauspieldirektor» einst den Theaterbetrieb persifliert, und die Vorlage lässt sich trefflich in die Gegenwart versetzen. Also in einen muffigen, ungeheizten Raum auf der Bühne des Theaters Kanton Zürich, in dem ein Vorsprechen respektive Vorsingen stattfinden soll. Oder eben: ein von Rüdiger Burbach inszeniertes und von Stephan Benson getextetes, ebenso virtuoses wie vergnügliches Vorblödeln.

Veranstaltet wird es vom Theater Kanton Zürich und dem Zürcher Opernhaus, die erstmals eine gemeinsame

Produktion präsentieren. Beziehungsweise von Frank (Daniel Hajdu), der kein Schauspieldirektor ist, aber gern einer wäre, und der Schauspielerin Eidler (Katharina von Bock), die noch einmal jene jugendliche Liebhaberin sein möchte, als die sie einst gefeiert wurde. Die beiden rivalisieren als Juroren vor einem Podium, auf dem alles antritt, was sonst nirgendwo eine Chance hat.

Da ist etwa der Tenor (Spencer Lang), der in einer seltsamen Sprache spricht und auch beim Singen Mühe hat mit dem Text: «Lass dich müssen, lass dich bücken» singt er, wo es doch ums Küssen und Drücken ginge. Immerhin leistet er wertvolle Dienste unter dem Reifrock seiner darstellerisch grandios hölzernen Kollegin (Deanna Breiwick), die so bei «Welche Wonne, welche Lust» endlich auf Touren kommt.

Denn ja, man hat auch andere Mozart-Arien importiert, aus der «Entführung aus dem Serail», der «Zauberflöte» und «Zaide». Schliesslich enthält der «Schauspieldirektor» nur gerade fünf musikalische Nummern allerdings hörenswerte. Vor allem der Zickenkrieg der beiden «ersten Sängerinnen» ist eine fulminant komponierte Parodie auf alle möglichen Primadonnen-Klischees.

Kamikaze-Yoga-Pantomime

Überhaupt, die Klischees: Sie werden an diesem Abend lustvoll überaus zelebriert. Die Sopranistin Rebeca Olvera ersticht sich während ihrer Arie «Da schlägt die Abschiedsstunde» ein ums andere Mal und singt doch immer weiter. Der nicht mehr ganz jugendliche Stefan Lahr gibt neben Tell und Gessler auch den Walterli. Miriam Wagner spielt schauderhaft schlechten Trash und schauderhaft schlechte Empfindsamkeit und wird am Ende wegen ihrer Wandelbarkeit engagiert. Und dann ist da noch der stoische Andreas Storm, der zur «Kleinen Nachtmusik» eine Kamikaze-Yoga-Pantomime zelebriert, dass das Publikum vor Lachen fast von den Stühlen fällt.

Dass die ganze Musik von Till Löffler zu einer Version für Bläserquintett und Synthesizer geschrumpft worden ist, schadet da gar nichts. Mehr ist in diesem abgetakelten Theater ja sowieso nicht zu erwarten. Und das wenige fügt sich dank den Opernhausmusikern und ihrem Dirigenten Thomas Barthel präzis ins gekonnt ungekonnte Ganze.

© Tages-Anzeiger, 5. September 2015

Romeo und Julia

«Romeo und Julia» küssen gut, und die Romantik dampft

Von Christian Hubschmid

Dietikon, Kirchgemeindesaal – Das nasskalte Wetter vereitelte zwar den Open-Air-Genuss, doch die Zuschauer können sich auf eine hervorragende Produktion des Theaters Kanton Zürich freuen. Der Klassiker «Romeo und Julia», dessen Premiere am Mittwoch in den Kirchgemeindesaal Dietikon verschoben werden musste, ist süffig gemacht: Die Romantik dampft in heissen Liebesschwüren bis an die Kitschgrenze, die Brutalität tobt sich in actionreichen Kampfszenen aus, der shakespearesche Witz verblüfft mit verbaler Frische.

Unaufhaltsam stapft der Bikerclan der Montagues den verfeindeten Capulets entgegen. Man weiss zwar von Anfang an, dass die Liebe zwischen Romeo und Julia böse enden wird, doch hofft man trotzdem, es möge anders kommen: Das junge Paar (Nicolas Batthyany und Judith Cuénod) küsst so gut, dass nicht nur die beiden Turteltauben davon kaum genug bekommen können. Eine herzergreifende Tragödie erträgt keine Ironie, das weiss Regisseur Manuel Bürgin, der zum dritten Mal für das Theater Kanton Zürich inszeniert. Den Humor delegiert der 40-Jährige, der ab nächster Saison das Theater Winkelwiese übernehmen wird, an die Nebenfiguren, von denen nicht nur der beleibte Andreas Storm als rauf-, sauf- und rammellustiger Mercutio eine tolle Figur macht.

Sparsam, aber gezielt gesetzt sind die Regieeinfälle: Pater Lorenzo knurrt ein Rammstein-Lied, Lady Capulet flötet eine Italo-Schnulze, ansonsten verströmt die Musik – ein Conchita-Wurst-ähnliches Einmannorchester – stimmungsvolle Zurückhaltung. Shakespeares Sprache bekommt den Raum, den sie verdient.

© Tages-Anzeiger, 26. Mai 2015

Falling in Love

Rasende Triebe und Peinlichkeiten

Das Musical «Falling in Love» ist eine schrille Komödie, die das Herz erweicht.

Von Christian Hubschmid 

Die Situation ist ausweglos: Liebt Lancelot Eva, stirbt Dodo vor Einsamkeit. Liebt er Dodo, springt Eva vom Dach. Das neue Musical «Falling in Love» des Theaters Kanton Zürich, das am Donnerstag in Winterthur Premiere hatte, weidet sich genüsslich an den Nöten, Trieben und Peinlichkeiten von Weiblein und Männlein. Ein Balztanz als Trashkomödie: Der mundgeblasene Rammbock Lancelot macht sich in weissen Strumpfhosen zum Affen, Eva verbrennt sich wiederholt die Finger am Kugelgrill, und bevor Liebesgott Amor ins turbulente Geschehen eingreift, kriegt er mehrmals die Tür an die Nase gehauen. Peng!

Schriller Klamauk und masslose Melodramatik ballen sich im neuen Stück von Stephan Benson zum herzerweichenden Refrain. 43 Lovesongs hat der Musiker Till Löffler hineingepackt, von «Love Hurts» bis «Ti amo». Das Kreativ-team ist dasselbe wie beim Grosserfolg «Beatles for Sale» von 2012. Auch diesmal müssen die Texte dran glauben: Aus dem 80er-Jahre-Disco-Hit «It’s Raining Men» wird so das schlagermässig aufgepeppte «Sie hat ’nen Kerl».

Optisch ist die Inszenierung der Brüller: Penner Arno hat eine ergraute Vokuhila-Frisur, Hippiehexe Dodo eine neckische Pigmentstörung, und das Dummerchen Eva ist als kurzsichtiges Burgfröilein frisiert. Die Schnitte sind rasant, für Szenenapplaus ist daher ein bisschen schade – kaum Platz. Die dreiköpfige Band bildet den Gegenpol zum ulkigen Radau: Schlagzeuger Stephan Diethelm haut powerballadenmässig rein, Till Löffler zieht an seinem Keyboard alle Register der Verführung, und die Cellistin Fatima Dunn bildet sowohl Streichorchester als auch rockende Stromgitarre.

Manchmal ist man froh, dass im Ex-Gigolo Arno echt rührende Seiten anklingen. Ansonsten leidet die Inszenierung von Rüdiger Burbach an einer gewissen Eindimensionalität und einigen Wiederholungen. Die Eindreiviertelstunden bis zum absehbaren Happy End werden aber mit witzigen Pointen verkürzt («Warst du nicht Veganerin?» «Ja, schon, aber manchmal ist es mir Wurst.»). Nicht ganz auf der Höhe der schauspielerischen Brillanz ist der Gesang der liebestollen Truppe. Aber wie sagt doch Lancelot: Es handelt sich eben um «Hochseekultur».

© Tages-Anzeiger, 21. März 2015

Buddenbrooks

Wie aus dem Golfklub

Thomas Manns «Buddenbrooks» vom Theater Kanton Zürich - jetzt im Rigiblick

Von Andreas Klaeui 

«Der Zauberberg» in Basel, «Buddenbrooks» im Theater Kanton Zürich: Zwei Romane von Thomas Mann stehen derzeit auf den Spielplänen von Schweizer Bühnen. «Buddenbrooks» in der Bearbeitung von John von Düffel gehört zu den meistgespielten Stücken der letzten Jahre.

Verkauf dich endlich!

Thomas Mann interessiert die Theater, er hat ihnen heute etwas zu sagen - im Fall der Winterthurer «Buddenbrooks» legt der Regisseur Kay Neumann den Finger gleich von Beginn weg dezent, aber unmissverständlich auf den Punkt: Mögen unsere Manieren und gesellschaftlichen Wertvorstellungen auch nicht mehr ganz dieselben sein wie im Lübeck der Manns, so lässt sich die ökonomische Teleologie, die dem Gesellschaftstableau seine Grundierung gibt, der solide oder eben gerade etwas weniger solide Unterbau des Hauses Buddenbrook, auch heute ohne weiteres wiedererkennen. «Wir sind, meine liebe Tochter, nicht dafür geboren, was wir mit kurzsichtigen Augen für unser eigenes, kleines, persönliches Glück halten, denn wir sind nicht lose, unabhängige und für sich bestehende Einzelwesen, sondern wie Glieder einer Kette», schreibt Konsul Buddenbrook in altväterischem Ton an seine Tochter Tony und will ihr damit nur eins sagen: Verkauf dich endlich an Bendix Grünlich, er ist eine erstklassige Partie - wenn auch mit gefälschten Büchern, wie sich herausstellen wird.

Es sind Banker und Kaufleute wie von der Wall Street oder aus dem Golfklub von nebenan, die im Theater Kanton Zürich auftreten. John von Düffel legt in seiner konzisen Dramatisierung das Augenmerk auf die dritte, die mittlere Generation Buddenbrook, die von Thomas, Christian, Tony (und eigentlich Clara, die hier wegfällt). Wo die Familie sich gerade noch halten kann und der Verfall beginnt.

Dialogischen Episoden stellt Düffel erzählende Einsprengsel gegenüber und trifft übers Ganze sehr passend den Thomas-Mann-Ton von kalter Beobachtung und ironisierender Distanz. Regisseur Kay Neumann und sein formidables Ensemble überführen die Mannsche Ironie in die Darstellung, das Spiel auf der Bühne: Sie denunzieren die Figuren nicht, führen sie aber mit einem Augenzwinkern vor. Offenkundig machen ihnen diese Charaktere Spass - und sie sind ja wirklich tolles Schauspielerfutter -, das Amusement überträgt sich auf das Publikum. Sie geben dem Affen Zucker, immer hart an der Grenze zur Charge: der herrlich exaltierte Christian Buddenbrook von Gerrit Friers, Andreas Storm als schmieriger Gauner Grünlich und - in der zweiten Ehe, in die Tony sich verschachern lässt - als bierbäuchiger Bayer wie aus dem Bilderbuch.

Rechtgläubige Contenance

Katharina von Bock und Stefan Lahr als Elternpaar sind ein Muster an rechtgläubiger Contenance; Tochter Tony ist bei Miriam Wagner mehr geistreich-schnippisch als vom Standesdünkel besessen, dass ausgerechnet sie den Familiensinn inkarniert, wird nicht recht klar. Man würde ihn eher bei Thomas vermuten, der bei Nicolas Batthyany zur ernsthaftesten, vielschichtigsten Figur des Abends wird. Auch Pit Arne Pietz und Vera Bommer holen aus diversen Nebenrollen viel heraus. Kay Neumann hat mit ihnen eine Inszenierung erarbeitet, die nonchalant die Motive verzahnt und die Mannschen Figuren mit grosser Sympathie vorstellt.

© Neue Zürcher Zeitung,  26. Januar 2015

Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone

Rhythmus eines Lebens

Das raffiniert gebaute Bühnenstück von Simon Stephens nach Mark Haddons Roman «Supergute Tage» erhält mit der Inszenierung von Barbara-David Brüesch als Schweizer Erstaufführung, unterstützt von Bühnenbau, Video und Musik, seine treffliche dramaturgische Entsprechung und wird zum Rhythmus eines Lebens.

Von Thierry Frochaux

Nur schon das Bühnenbild von Damian Hitz alleine spricht Bände: Es könnte gleichsam Halfpipe sein wie bedrohliches Gefängnis mit den sich gegen unten verjüngenden Wänden. Die leuchtenden Kanten der Konstruktion mit Hindernissen, Spalten und Fallen suggerieren Labyrinth und Hindernisparcours in einem. Gemeinsam mit den vorwärtstreibenden Technobeats (Musik: Christian Müller) und der wechselnden Bespielung der Wände mit stilisierten Projektionen (Patrick Hunka), die stets mit den szenischen Inhalten trefflich korrespondieren, wird hier nur schon mit den Mitteln der Bühneneinrichtung eine vielsagende Parallele zum Inhalt präsentiert, die besondere Erwähnung verdient. Denn das Leben der jugendlichen Hauptfigur Christopher (Yannick Weber) ist in seinem Kopf klipp und klar strukturiert, durchgerechnet und fixiert. Nur dass seine eigene Wahrnehmung als autistischer Junge nicht mit jener der gesamten Aussenwelt korrespondiert, was ein vermeintliches Leben auf schnurgerader Strecke zu einem Irrlauf durch ein kaum verständliches Labyrinth macht. Er kann nicht berührt werden, versteht weder Metaphern noch die menschliche Mimik sinnstiftend aufzulösen und wenn ihm alles zu viel wird, setzt er sich hin, wo er gerade steht, klemmt den Kopf zwischen die Knie und hält sich die Ohren zu. Die Aussenwelt hat Pause. Nur dass diese weder die Geduld noch das Verständnis für dieses in ihren Augen sonderbare und unpassende Verhalten aufzubringen mag, denn wer nicht stromlinienförmig funktioniert, fällt aus dem Rahmen, stört! Die Logik des Bühnenstücks vereint ein Verständnis für die Aussensicht mit der sich daran abarbeitenden, weil kaum übersetzbaren Innensicht von Christopher. Die schiere Unvereinbarkeit dieser beiden Welten, die qua Existenz Christophers faktisch einfach miteinander klarkommen muss, ist in der gezeigten Form ein reichlich verwirrendes Puzzle, das während der rund zwei Stunden Spieldauer einer kriminalistischen Spurensuche nicht unähnlich zueinem Gesamtbild verdichtet wird. Gleichfalls bleiben die verschiedenen emotionalen Ebenen durchwegs in einer Balance: Weder die pädagogischen Erklärungen und das sozialarbeiterische Immer-für-alles-Verständnis-haben erfahren in der Bearbeitung von Barbara-David Brüesch ein Übergewicht, noch ist Einseitigkeit in Parteinahme für Christophers Weltsicht alleine oder das physisch ausladende Spiel des erst 18-jährigen Darstellers (chapeau! Für diese Leistung) je in der Gefahr als über alles andere dominierendes Element, das gekonnt verwobene Gesamtbild in eine Schräglage zu versetzen. Das Ensemble des Theaters Kanton Zürich – mit Stammgast Katharina von Bock – teilt sich in die zahllosen Rollen, die teils einzig durch Einsatz eines immensen Kostümfundus in sinnbildlich klar erkennbaren  Personenzuschreibungen in wohlchoreographierter Art und Weise über diese Bühne bewegen. Einzig der Vater (Pit Arne Pietz), eine Vertrauenslehrerin (Miriam Wagner), die Mutter (Katharina von Bock) und deren neuer Freund (Andreas Storm) sind zum Zweck der Wiedererkennung gleichbleibend besetzt, ebenso wie die Polizistenrollen – mindestens vier –, die alle Stefan Lahr verkörpert. Der Rest ist Kostümfest mit jeweils figureneigenem Bewegungsspiel, was das musikalisch vorgegebene, hohe Tempo widerspiegelt. Die finale Handlung ist vergleichsweise simpel, keineswegs jedoch die Erzählart derselben. «Supergute Tage» in dieser Form funktioniert genauso für ein erwachsenes wie ein jugendliches Publikum, das in grosser Vielzahl (auf Nachfrage: freiwillig) an der Premiere war und die eigens gefühlte Begeisterung unwidersprochen teilte. Eine Kombination aus Stück und Inszenierung, die das Junge Schauspielhaus Zürich ein klein wenig neidvoll nach Winterthur blicken lassen dürfte, weil: Rundum geglückt!

© P.S., 23. Oktober 2014

Die Wahrheit

Dichtung und Lüge

Schweizer Erstaufführung von «Die Wahrheit» im Theater Kanton Zürich in Winterthur

Von Anne Bagattini

«Gut, einverstanden, du betrügst deinen Mann. Und du belügst ihn. Aber das tust du doch für ihn», sagt Michel zu seiner Geliebten Alice. Kein Wunder, kann diese, die ganz nebenbei noch die Frau von Michels bestem Freund ist, dieser Logik nicht folgen. Also erklärt Michel: «Aus Respekt für ihn. Um ihn zu schonen. Um ihm keinen Kummer zu bereiten. Es wäre egoistisch, ihm die Wahrheit zu sagen, nur um dein Gewissen zu erleichtern. Ja, sehr egoistisch. Dazu hast du kein Recht.» Und Michel kommt schliesslich im Eifer seines Redeflusses sogar noch vom konkreten Einzelfall zum Allgemeinmenschlichen: «Das wäre ein richtiger Albtraum. Wenn die Leute von heute auf morgen aufhören würden, sich zu belügen, gäbe es kein einziges Paar mehr auf Erden. Und in einer gewissen Hinsicht wäre das das Ende der Zivilisation.» Grosse Worte.

«Die Wahrheit» heisst das 2011 uraufgeführte Stück des französischen Dramatikers und Romanciers Florian Zeller, das nun vom Theater Kanton Zürich in einer Inszenierung von Rüdiger Burbach als Schweizer Erstaufführung gezeigt wird; am Donnerstag war Premiere. Doch um die Wahrheit geht es in dieser Komödie nicht - vielmehr um deren Gegenteil: die Lüge. Die vier Figuren auf der Bühne belügen einander anderthalb Stunden lang, was das Zeug hält. Gegen Schluss haben sie sich heillos verstrickt in ihren Lügengespinsten, und auch die Zuschauer wissen nicht mehr, wer denn nun wen betrogen hat. Sicher haben Michel und Alice eine Affäre, aber sind auch die Ehepartner, Laurence und Paul, mehr als nur gute Bekannte? Die sieben Szenen haben Titel, die jeweils auf den aus herabhängenden weissen Fäden bestehenden Vorhang projiziert werden, etwa «Der Bruch» oder «Die Aussprache». Ebenfalls auf dem Vorhang zu sehen sind in den Umbaupausen die Schauspieler beim Umziehen, und zwar werden sie aus der Perspektive des Garderobenspiegels gefilmt. Während Jane Birkin und Serge Gainsbourg «Je t'aime . . . moi non plus» singen und stöhnen, sieht das Publikum in Grossaufnahme, wie Miriam Wagner sich die Lippen rot anmalt und von der Blondine zur dunkelhaarigen Schönheit mutiert (oder umgekehrt). Die Schauspielerin tritt nämlich nicht nur als Alice auf, sondern auch als Laurence - und steht somit in fünf Szenen auf der Bühne.

Von A bis Z im Einsatz ist Pit Arne Pietz, dem die Rolle des Michel auf den Leib geschrieben scheint. Er spielt diesen selbstgerechten, nicht allzu intelligenten Macker-Typen mit vollem Körper- und Stimmeinsatz und bringt dessen Widersprüchlichkeit sehr deutlich und überaus witzig zum Ausdruck. So bläht Pietz sich bald auf wie ein Gockel, um Michels (vermeintliche) moralische Überlegenheit unter Beweis zu stellen, bald steht er mit hängenden Schultern da wie ein begossener Pudel, wenn seine Lügen durchschaut werden. Und wenn es die Situation erfordert, wirft er sich sogar in Embryostellung aufs Bett und verdrückt ein Tränchen. Manuel Bürgin in der Rolle des Paul wirkt daneben etwas blass; er tritt allerdings auch nur gerade in zwei Szenen auf.

Das Publikum ist in dieser temporeichen Aufführung 90 Minuten lang bestens unterhalten. Gegen Ende herrscht, wie erwähnt, das totale Lügen-Chaos. Dieses wird indes nicht aufgelöst, sondern Michel macht Laurence, die untröstlich ist, als sie Wind bekommt von seiner Affäre, ein denkwürdiges Gelöbnis: «Ich verspreche dir, dass ich dich ab heute besser belüge.» Wenn das nichts ist!

© Neue Zürcher Zeitung, 6. September 2015

Volpone

Geld und Wert

Was ist der Mensch ohne Geld? Ein Nichts! Das Theater Kanton Zürich zeigt «Volpone» nach Ben Jonson. Eine glänzende Freilichtpremiere, die ihren Weg macht. Demnächst auf dem Kirchplatz.

Von Stefan Busz

Premiere war am Mittwoch auf dem Lindenhof in Bülach, es ist ein Abend voller Gold. Das letzte Licht des Tages bringt den Kubus, den Werner Hutterli auf die Bühne gestellt hat, zum Leuchten. Das Gehäus hat die Farbe von Geld – und sieht aus wie die Miniaturausgabe des Expo.02-Pavillons der Nationalbank auf der Arteplage Biel.

Um Geld, Gier, Gold, Geiz und Ordnungspolitik geht es auch im Stück. Ab jetzt kann auch getrost der Poesiemodus ausgeschaltet werden. «Meine Neigung zum Feinen wäre hier fatal», schreibt der Regisseur Felix Prader im Programmheft zur Arbeit an der Textfassung von Ben Jonsons «Volpone». Seine Vorstellung des Stücks: «Eine Diskussion über Geld und unser Verhältnis dazu. Auf leerer Bühne. Pointiert und provokativ.» 

So ist es denn auch. Die Aufführung beginnt mit einem Morgengebet über das Geld, das dem Leben so viel Sinn und Halt gibt. Andreas Storm, der den Volpone gibt, trägt es vor, auf den Knien und mit gefalteten Händen: «O Geld, was bin ich ohne Dich? Ein Nichts!» 

Genug ist nicht genug

Aus dem Nichts ist Volpone gekommen. Ein Master of the Universe ist er durch seinen Reichtum geworden. Genug ist aber nicht genug. Volpone, der Fuchs, will alles. Und dafür macht er jetzt den kleinen Abgang, er simuliert einen Herzinfarkt. Wo Aas ist, da sammeln sich die Geier, heisst es in der Bibel. Glaube, Liebe, Hoffnung geben dann Voltore, Corbaccio, Corvino her, um an Volpones Erbe zu kommen – konkret: einen Barren Gold, die eigene Frau, die Zukunft eines Kindes.

Es ist die alte Geschichte: vom Geld, das die Menschen vernarrt. Und vom Betrüger, der die anderen Betrüger entlarvt. Und damit ein gehöriges Schlamassel anrichtet. Das ganze Glück droht sich gegen ihn zu wenden.

Alles findet hier und heute statt und kommt zugleich von weit her, sagt Felix Prader über seine Vorstellung von «Volpone». Was sich der englische Dramatiker Ben Jonson um 1605 über den Lauf der Welt ausgedacht hat, hat auch in Bülach Gültigkeit. Der Venezianer, der Volpone einst im Original war, ist heute eben ein reicher Russe. Gespickt ist die Neufassung der Komödie mit Anspielungen auf die Gegenwart: von Dominique Strauss-Kahn bis zum schwarzen Schaf auf dem Plakat. 

Das Ende der Unschuld

Felix Prader schlägt ganz spielerisch ein paar andere Lesarten des «Volpone»-Stoffs vor: es könnte hier um die chaibe Ussländer gehen. Oder um die Verletzung des Unterschichten-Kids, das nie ein Velöli hatte und deshalb Oligarch werden musste. Und natürlich könnte es auch um den Verlust von Gefühlen gehen: Volpone sehnt sich zurück zu richtigen Menschen. 

Aber eigentlich geht es um alles: um das Theater, das die Menschen um sich machen. 

Jeder Schauspieler, jede Schauspielerin kann sich da grandios in Szene setzen. Da ist An­dreas Storm als Volpone, der mit allen sein Spiel treibt und dann selber in die Enge getrieben wird: er kann ganz massig sein und hat doch eine ganz feine Seite. Gerrit Freers als sein Diener Mosca: manchmal richtig schmeissfliegig aufgelegt und dann doch wieder ein Tollpatsch. Die beiden wären ein Nichts ohne Daniel Hajdu (Voltore), Alexander Maria Schmidt (Corvino), Stefan Lahr (Corbaccio), Nicolas Batthyany (Leone), die das ganze Mannsein durchdeklinieren: von sehr schmierig, alert über super eifersüchtig und altgeil bis zum Sozialarbeiter. 

Noch weniger als ein Nichts wären alle die Männer ohne Katharina von Bock (Canina), Anna König (Colomba), Ursula Reiter (Polizistin und Richterin). Sie sind eigentlich die einzigen Wesen, die wissen, was Schuld und Unschuld ist. Und die auch richtig lieben können. Ein tolles En­sem­ble.

Volpone, Theater Kanton Zürich. Die Vorstellungen auf dem Kirchplatz: von Fr 13. Juni bis So 15. Juni, jeweils 20.30 Uhr. Der ganze Spielplan: www.theaterkantonzuerich.ch

© Der Landbote, 23. Mai 2014

Nora oder Ein Puppenhaus

Die Zeit der Spiele ist vorbei

Regisseurin Barbara-David Brüesch zwingt im Theater Kanton Zürich Ibsens Nora in die Endlosschlaufe. Ein Fall von häuslicher Gewalt.

Von Stefan Busz

«Nora oder Ein Puppenhaus»: 1879 wurde Henrik Ibsens Drama das erste Mal aufgeführt – und es ist immer gegenwärtig geblieben. Das zeigt auch die Anlage, die die Regisseurin Barbara-David Brüesch für ihre «Nora»-Inszenierung im Theater Kanton Zürich wählte. Ganz durchbrochen ist der Stoff. Er gibt den Blick frei für die Frau, die Nora ist, gestern und heute.
Hinten auf der Bühne (von Corinne L. Rusch) ein Raum voller Nippes, Sachen und Sächelchen, es ist der Schaukasten für Gegenstände, die aus der Zeit gefallen sind: vom Totenkopf bis zum Komplettset Kasperlifiguren. Hier werkelt Annalisa Derossi, die eine grossartige Pianistin und Tänzerin ist. Sie wird am Anfang in ihrem Spiel wie von einem mechanischen Räderwerk bewegt, und dieser Ton, den Annalisa Derossi vorgibt, zieht sich durch die ganze Vorstellung, es geht hier um Verstimmung, Verkrümmung.

Ein Raum, der ganz Ibsen ist

Aus diesem Raum, der in seiner Anlage ganz Ibsen ist, kommt Nora – Miriam Wagner sitzt wie im Setzkasten da, Pelzmütze auf dem Kopf, eine Tüte Makronen im Schoss: eine Gestalt, die in den alten Vorstellungen gefangen ist. Man könnte sagen: brav. Aber Miriam Wagner nimmt sich gleich den Raum, der vor ihr ist. Eine Frau von heute steht auf der Bühne: knallroter Rock, eine Bluse aus Spitzen (Kostüme: Heidi Walter). Diese Nora ist eine Erscheinung. Vor ihr geht man auf die Knie.
Blasser ist Pit Arne Pietz, der Noras Ehemann Helmer gibt, ein auf Grau geschminkter Advokat im Gehrock, mit Bewegungen wie aus einem Stummfilm. Alles ist in «Nora oder Ein Puppenhaus» vorgegeben, in den zwei Stunden, die die Vorstellung dauert, entwickelt sich dann die Geschichte. Es ist der Tag vor Weihnachten, draussen schneit es die ganze Zeit, drinnen wird ein Fest vorbereitet, das ein Fest der Liebe sein soll. Recht berechnend ist aber die Beziehung zwischen Mann und Frau. Er sagt ihr: Eichhörnchen. Sie macht ihm das Eichhörnchen. Und bekommt dafür Geld.
Es ist ein Spiel, das Nora die ganze Zeit spielt. Einst hat sie, um ihren Mann zu retten, wie sie sagt, bei Rechtsanwalt Krogstad Geld aufgenommen – und dafür eine Unterschrift gefälscht. Damit könnte das ganze Konstrukt auffliegen, das Nora um sich aufgebaut hat. Um das Unheil abzuwenden, spielt sie das Eichhörnchen-Spiel von Unterwerfung immer weiter und dominiert damit ihren Mann und auch die Menschen, die zu ihr ins Haus kommen: eben Krogstad (Stefan Lahr), dann auch Frau Linde (Katharina von Bock). Diese Figuren sind beschädigt; gezeichnet von der Angst eines (Gesichts-)Verlusts: Stefan Lahr trägt einen breitkrempigen Hut, Katharina von Bock eine Brille wie Hildegard Knef. Die beiden sind in dieser Vorstellung das eigentliche Traumpaar, nur sie finden sich im Tanz. Mit im Spiel, aber ganz mit sich selber allein, Andreas Storm, der einen gstabigen Arzt gibt, der sich selber nicht mehr helfen kann. Gefangen sind alle Figuren in einem Korsett.

Entfesselte Nora

Einzig Miriam Wagner sprengt den Rahmen des Stücks, und es ist ungeheuerlich, was die Schauspielerin in ihrer Rolle als Nora macht: Sie zeigt eine entfesselte Figur. Unterstützt von Annalisa Derossi, tanzt sie einfach aus der Geschichte hinaus, entgegen aller Vorgaben, die der Mann ihr machen möchte. Es gibt jetzt in der Inszenierung von Barbara-David Brüesch, die für das Theater Kanton Zürich schon Schillers «Kabale und Liebe» und «Die Möwe» von Tschechow hochartistisch auf die Bühne brachte, einen Moment der Ratlosigkeit. Wie bringt sie Miriam Wagner, die über sich hinausspielt, wieder in den Ibsen hinein? Denn schon lange vor dem eigentlichen Türknall und dem finalen Ausbruch, der «Nora» zu einem Stück der Emanzipation machte, hat sich die Frau schon von allem verabschiedet, was in sie hineingelesen wurde. Sie ist sich selbst. Männer haben vor so einer Frau Angst. Und können nur mit Gewalt reagieren. Pit Arne Pietz ist der Ober-Körper, der Nora wieder zurück ins Puppenhaus bringt. Er schlägt sie, die ihn verlassen will, einfach k. o. Nichts ist hier mit letzten Sätzen, mit der Hoffnung auf eine Wandlung zum Eheglück. Nora wird einfach zur Puppe gemacht. Da sitzt sie am Schluss wieder in ihrem  ehäus, Pelzmütze auf dem Kopf, Tüte mit Makronen im Schoss, und macht keinen Mucks. Wunder gibt es auch im Theater nicht. Die Zeit der Spiele ist vorbei. Eine traurige Vorstellung. Aber ungeheuer gut.

© Der Landbote, 29. März 2014

Die Opferung von Gorge Mastromas

Güte oder Feigheit?

Dennis Kelly stellt in seinem Stück die Frage nach der Moral und den Missverständnissen, auf denen der Erfolg des Raubtierkapitalismus fusst. Die Auswüchse des Systems werden im Theater Kanton Zürich genüsslich ausgebreitet.

Von Anne Bagattini

Gorge (so geschrieben, aber englisch ausgesprochen) ist ein überaus anständiger Kerl: Er steht zu seinem Schulfreund Paul, als dieser zur allgemeinen Lachnummer wird, er entsagt später seiner grossen Liebe Vanessa, weil er schon mit einer anderen (die er gar nicht liebt) geschlafen hat, und er drängt schliesslich die fast Unbekannte, die er geschwängert hat, nicht zu einer Abtreibung. Doch sind es tatsächlich moralische Grundsätze, die Gorge so handeln lassen, oder ist es vielmehr mangelnder Mut? «Güte oder Feigheit?», fragen die fünf Darsteller jedes Mal, wenn sie über eine von Gorges moralischen «Heldentaten» berichtet haben.

Beschrieben statt gespielt

In Dennis Kellys Stück «Die Opferung von Gorge Mastromas», das letzte Woche in einer Inszenierung von Rüdiger Burbach am Winterthurer Theater Kanton Zürich (TZ) Premiere hatte, wird die Jugend des Protagonisten nicht szenisch gespielt, sondern beschrieben. Die Schauspielerin (Katharina von Bock) und die vier Schauspieler (Gerrit Frers, Stefan Lahr, Pit Arne Pietz und Andreas Storm) sitzen auf Hockern vorn auf der mit violettem Stoff ausgekleideten Bühne (Beate Fassnacht) und erzählen in spöttisch-ironischem Ton von diesem durchschnittlichen jungen Mann, der im Zweifelsfall das moralisch Richtige tut, darob jedoch nicht glücklich wird. Als Gorge fast 30 ist, ändert sich sein Leben mit einem Schlag – und gleichzeitig auch die Form, in der das Publikum davon erfährt.

Die Szene, in der sich Gorge, angestachelt von einer eiskalten Geschäftsfrau, vom anständigen Loser zum gewissenlosen Winnertypen wandelt, wird ausführlich gespielt. Von da an ordnet Gorge sein Leben drei goldenen Regeln unter; deren zweite lautet: «Um dir alles zu nehmen, was du willst, brauchst du nichts weiter als absoluten Willen und die Fähigkeit, aus tiefstem Herzen zu lügen.» Was folgt, ist der kometenhafte Aufstieg in höchste Machtsphären.

Raffinierte Dramaturgie

Der englische Theaterautor legt in seinem 2012 uraufgeführten Stück die Auswüchse eines skrupellosen Raubtierkapitalismus deutlich dar. In der letzten der vier in immer wieder anderer Besetzung gespielten Szenen ist Gorge ein steinreicher alter Mann, der die Menschen scheut und allein in einem winzigen Zimmer lebt. Das ist happige Kost – allerdings bekömmlich gemacht durch die raffinierten Wechsel zwischen Erzähl- und Spielebene und durch das brillante Schauspieler-Quintett.

© Neue Zürcher Zeitung 03.02.2014

 

Clavigo

Atemlos
Man taumelt, man träumt sich in andere Zustände hinein. Caro Thum inszeniert Goethes Trauerspiel «Clavigo» für das Theater Kanton Zürich

Von Stefan Busz

In dreissig Sekunden geht es zum Mars. Schneller kann man Goethe nicht machen. Und vielleicht auch nicht besser. Regisseurin Caro Thum, die eine Spezialistin für Theater heute in Sachen Kabale und Liebe ist, zeigt Johann Wolfgang Goethes Trauerspiel «Clavigo» in ihrer Inszenierung für das Theater Kanton Zürich in einer grossartig verkürzten Fassung. Nach 75 Minuten versinkt alles, was in einem Moment so hell aufgestrahlt hat, wieder im Dunkeln – andere bräuchten dafür eine Ewigkeit. Und doch hat man alles gesehen, was diesem Seelenreisser aus dem Jahr 1774 eingeschrieben ist. Es ist die ganze Liebe. Und: die ganze Abwesenheit von Liebe. Dazwischen gibt es nichts. Dieser Goethe kennt kein Entweder-oder.

Kurz die Konstellation: Clavigo, der gesellschaftlich ein Nonvaleur war, macht am spanischen Hof eine glänzende Karriere. Für Aussichten auf mehr lässt er Marie, seine Verlobte, fallen. Und was auch weiter in diesem Spiel von Versprechungen und wiederholtem Verrat geschieht: Es gibt kein Zurück in die alte Liebe, aber auch kein Vorwärts in andere Verhältnisse. Verloren sind die Menschen mit jeder Bewegung – in welche Richtung sie auch immer gehen. So ist die Einrichtung in dieser Welt.

Die Bühne hat Stella Kasparek, die auch die Kostüme entworfen hat, mit Parkett auslegen lassen. Das Muster ist durchsetzt mit Lücken, die Linien haben sich verschoben, die Grenzen ufern aus. Das ist die Landschaft, in der dieser «Clavigo» spielt, es ist die Wohnung, in der alle Personen zusammenkommen, so weit auseinander sie auch zueinander stehen. Zwei Sessel, ein Stuhl, ein Tisch, das ist schon das ganze Mobiliar. Mehr braucht es auch nicht. Das Einzige, das hier veränderlich ist, sind die Menschen. Sie kommen von einem Zustand in den andern. Man taumelt, man träumt – und wir folgen ihnen auf ihrem Weg, atemlos.

Ganz viele Stimmen kommen hier in einem Raum zusammen. Caro Thum verdichtet die Szenen. Alle hören, was die anderen sagen, und nehmen simultan die Stimmung in sich auf. Die Inszenierung folgt quasi einem musikalischen Prinzip, es ist die Vereinigung von Entgegengesetztem. Auf dem Weg zum Ganzen gibt es aber viel Streit.

Ein Lied aber gehört einer Figur allein, es ist «The Kill» von 30 Seconds to Mars. Vera Bommer hat es auf den Lippen, aus ihrer Marie brechen die Worte heraus: What if I wanted to break? What would you do? Es ist die genaue Übertragung von «Ich weiss nicht, was ich will» der Goethe-Zeit im O-Ton. Auch «Clavigo» war so eine Art Pop. Und sicher kein Quark.

Fast die ganze Zeit wird Marie auf der Bühne sein, zuerst hineingedrückt in den Sessel, als habe sie sehr kalt, dann zunehmend freier in ihrem Gang. Miriam Wagner, die ihre recht moderne Schwester Sophie ist, kleidet sie am Rand ins Hochzeitsgewand ein, während über ihre Verhältnisse noch verhandelt wird. Auf der einen Seite: Pit Arne Pietz und Brencis Udris als Brachialeheanbahner Beaumarchais und Buenco. Auf der anderen: Carlos, Clavigos Freund, ein Liebestöter im grossen Stil. Andreas Storm hat hier, ganz, ganz kurz gesagt, eine ganz, ganz grosse Szene. Trefflich, hätte Goethe gesagt.

Auch die anderen greifen zu den Sternen. Manuel Bürgin kommt von einem Zustand in den anderen. Sein Clavigo kann mit einem Wort das Gesicht wechseln: Von «Tausend Küsse dem Engel» bis zu «Weiber, Weiber!» ist es nur ein kleiner Wechsel-Schritt.

Marie geht aber ihren Weg weiter. «I know now, this is who I really am», singt Vera Bommer, jetzt kennt sie den ganzen Text des Liedes. Marie lässt sich dann über die Grenzen fallen, die ihr das Leben auferlegte, und Clavigo, der sie gekillt hat, folgt ihr.

Ein grosses Spiel. Hinreissend, mitreissend, diese Vorstellung.

© Der Landbote, 16. November 2013

Seiten

Rezensionen abonnieren