Die Affäre Rue de Lourcine

Komödie von Eugène Labiche
LENGLUMÉ (die Vorhänge öffnend) Madame! ... Mademoiselle! ... Kommen Sie raus! 
MISTINGUE (aufwachend) Was? ... Wie? 
(Er hat eine sehr rote Nase.) 
LENGLUMÉ Ein Mann! 
MISTINGUE (sich setzend) Monsieur wünschen? 
LENGLUMÉ Wie, was ich wünsche ...? Was machen Sie hier in meinem Bett? 
MISTINGUE Ihr Bett? ... (Sich umblickend) Sowas! ... Wo bin ich denn hier? 
LENGLUMÉ Bei mir zu Hause, Monsieur, 
Rue de Provence. 
MISTINGUE (lebhaft vom Bett herunter­springend. Er hat eine Hose an.) 
Rue de Provence? Wo ich doch beim Odéon wohne!
LENGLUMÉ Sprechen Sie! Erklären Sie sich! 
MISTINGUE Mit welchem Recht, Monsieur, halten Sie mich hier gefangen? 
LENGLUMÉ Na, Sie sind gut, mein Lieber! 
MISTINGUE Ich hoffe, Sie können mir erklären, wie ich in Ihre Kissen komme! Ich kenne Sie doch überhaupt nicht. 
LENGLUMÉ Ich Sie genausowenig! (Beiseite) 
Wo kommt denn dieser Typ her? 
Nach einer heftig durchzechten Nacht anlässlich eines Ehemaligentreffens seines Jugendinternats erwacht der rechtschaffene und wohlhabende Bürger Lenglumé am nächsten Morgen mit einem heftigen Kater und ohne jegliche Erinnerung an die Geschehnisse der Nacht. Zu seiner grossen Überraschung befindet sich neben ihm im Bett ein schnarchender Mann, den er als seinen Schulkameraden Mistingue identifiziert. Lenglumés Gattin Norine studiert beim gemeinsamen Frühstück die Zeitung und stösst auf einen Artikel, der von einem Mord an einer jungen Kohlenschlepperin in der vergangenen Nacht berichtet. Anhand einer Reihe von Indizien – einem Damenschuh, blonden Locken und Kohlestücken – kommen die beiden Männer entsetzt zu dem Schluss, dass sie im Rausch jenen grausamen Mord begangen haben müssen. Sie versuchen panisch, ihre kohlschwarzen Hände reinzu­waschen und allfällige Belastungszeugen aus dem Weg zu räumen, um ihre weisse Weste 
zu bewahren. 
 
Die Auslöschung der Erinnerung durch den Alkohol und die Entdeckung des Bösen in sich selbst wirft existentielle Fragen auf. Doch anstatt sich mit dem Leid ihres Opfers zu beschäftigen, sorgen sich die beiden ausschliesslich um ihr gesellschaftliches Ansehen. Die Fassade der Figuren erleidet Risse, die den Blick auf tiefsitzende Ängste freilegen.
 
Eugène Labiche zeigt in seinem Albtraumschwank von 1857 spielerisch die schmutzigen Wahrheiten, die sich hinter einer kleinbürgerlichen, sauberen Kulisse auftun können.
 
Eugène Marin Labiche (1815–1888) war ein bedeutender französischer Lustspieldichter. Labiche war Sohn eines wohlhabenden Industriellen und besuchte das Collège royal de Bourbon. Er bereiste Italien, von wo aus er für einige Pariser Blätter Plaudereien schrieb. 1837 brachte er sein erstes Stück «La cuvette d'eau» und 1838 die Posse «Monsieur de Coislin» mit grossem Erfolg zur Aufführung. Im November 1880 wurde Labiche in die Académie française aufgenommen. Neben «Die Affäre Rue de Lourcine» gehören «Das Sparschwein» und «Ein Florentinerhut» zu seinen bekanntesten Stücken.
 
Elina Finkel wurde in Odessa/Ukraine geboren. Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr lebt sie in Deutschland. 1990 war sie Mitbegründerin des Jungen Theater Bremen und arbeitete als Schauspielerin und Regieassistentin. 1995 bis 1998 studierte sie Schauspiel in Hamburg. In der Folge arbeitete sie als Regieassistentin am Bremer Theater. Seit 2003 inszeniert Elina Finkel als freie Regisseurin u. a. am Theater Aachen, Schauspiel Essen, Landestheater Tübingen, Theater Ulm, Schauspielhaus Salzburg, und an der Kunstuniversität Graz. Elina Finkel ist auch als Übersetzerin russischer Dramatik tätig. Am Theater Kanton Zürich inszenierte sie 2013 Patrick Süskinds «Der Kontrabass» mit Stefan Lahr.
 
Regie: Elina Finkel
Bühne und Kostüme: Norbert Bellen
Premiere: 22. März 2018

 

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