Der Gott des Gemetzels

von Yasmina Reza | Regie: Felix Prader

Deutsch von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel

Michel: Ich sag euch was, diese ganze dämliche Debatte, die hab ich satt. Wir wollten nett sein, wir haben Tulpen gekauft, meine Frau hat mich als Gutmenschen hingestellt, aber in Wahrheit habe ich überhaupt keine Selbstkontrolle, ich bin das reinste Charakterschwein.

 

Zwei 11jährige Jungen streiten sich in einem Park eines bürgerlichen Pariser Arrondissements, der eine schlägt mit dem Stock zu, der andere verliert zwei Schneidezähne. Unter zivilisierten und kultivierten Leuten, wie es die Eltern der beiden Streithähne sind, spricht man die Sache durch und setzt eine gemeinsame Erklärung für die Versicherungen auf, schliesslich ist man nicht in der Banlieu, wo die Autos brennen.

So beraten die Paare bei Kaffee und Gebäck, wie man pädagogisch richtig auf die beiden Knaben einwirkt, politisch korrekt und um Konsens bemüht, wie es sich unter aufgeklärt-liberalen Erwachsenen gehört. Doch unvermittelt brechen sich urzeitliche Impulse Bahn.
Von Sticheleien über Wortgefechte bis hin zu Handgreiflichkeiten, der Nachmittag gerät zur Saalschlacht: mit pointierten und geschliffenen Dialogen, getränkt von zunehmendem Rumgenuss ist das ein Vergnügen für vier Schauspieler –  und fürs Publikum. Mit beissendem  Humor fühlt Yasmina Reza in ihrem Erfolgsstück der modernen bürgerlichen Gesellschaft buchstäblich auf den Zahn, die Schneidezähne. Hin- und hergerissen zwischen vernünftigem Gutmenschentum und gewalttätigen Instinkten müssen ihre Protagonisten allerdings am Ende ernüchtert zur Kenntnis nehmen: So verbindlich und liberal-aufgeklärt wir uns auch geben, am Ende behält  scheinbar einer die Oberhand: Der Gott des Gemetzels.

«Ich schreibe niemals aus einer thematischen Perspektive. Der Prozess ist intuitiv — auf keinen Fall intellektuell —, ohne dass ich überhaupt weiss, warum ich etwas schreibe oder wohin es gehen soll, ähnlich wie ein Maler, der von einer Landschaft, einem Blumentopf oder einer Person überwältigt wird. Oder etwas differenzierter: Ich hatte eine Situation und ich wusste, dass ich ins Desaster gehen würde, aber ich wusste nicht, in welcher Form. Die Situation? Zwei a priori höchst zivilisierte Elternpaare treffen sich, um ein Versicherungsformular auszufüllen, weil eines der Kinder das andere geschlagen hat. Aber ein unglücklich formuliertes Wort genügt und alles läuft aus dem Ruder. Man erreicht ganz schnell die Grenzen der Zivilisation, die Unmöglichkeit, oder jedenfalls die Relativität, eines ethischen Diskurses.» Yasmina Reza

Yasmina Reza wurde 1957 in Paris als Tochter einer ungarischen Geigerin und eines iranischen Ingenieurs geboren. Reza studierte Soziologie und Theaterwissenschaften in Paris. Sie war Schauspielerin, Musikerin und wurde zweimal mit dem «Prix Moliere» ausgezeichnet. Für Roman Polanski schrieb sie die Theaterfassung von Kafkas Verwandlung. Ihren Durchbruch im deutschsprachigen Raum erlebte sie mit ihrem Stück «Kunst», das Felix Prader 1995 an der Berliner Schaubühne erstaufführte. Roman Polanski verfilmte 2011 ihr Stück Der Gott des Gemetzels mit Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz und John C. Reilly. Ihre Theaterstücke wurden in über 30 Sprachen übersetzt und weltweit aufgeführt.

Felix Prader, geboren 1952 in Zürich, begann als Regieassistent bei Horst Zankl am Theater am Neumarkt, war dann Assistent von Peter Stein, Klaus Michael Grüber und Robert Wilson an der Berliner Schaubühne, wo er mehrere Male inszeniert hat, u.a. Robert Walsers «Familienszenen» und 1995 die deutschsprachige Erstaufführung von Yasmina Rezas «Kunst», die immer noch zu sehen ist: mittlerweile am Burgtheater Wien. Mit seiner Inszenierung von Javier Tomeos «Mutter und Söhne» war er zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Darüber hinaus hat er u.a. in Genf, Basel, Bern, Zürich, Düsseldorf, Bochum, Köln, Mainz, in den USA, in Frankreich und in Spanien als freier Regisseur gearbeitet. Er ist Übersetzer von Theaterstücken, hat mehrere Romane für die Bühne bearbeitet und unter anderem an der französischen nationalen Schauspielschule in Strassburg und am Mozarteum in Salzburg unterrichtet. Am Theater Kanton Zürich hat Felix Prader Jordi Galcerans «Die Grönholm-Methode» und Sean O’Caseys «Das Ende vom Anfang» inszeniert.

Regie: Felix Prader

Bühne und Kostüme: Werner Hutterli

Es spielen: Katharina von Bock (Véronique Houllié), Stefan Lahr (Michel Houillé), Andreas Storm (Alain Reille), Miriam Wagner (Annette Reille)

Koproduktion mit dem Theater Biel Solothurn

Premiere: 26. September 2013

Dauer: ca. 80 Minuten. Keine Pause

«Eine glänzende Inszenierung... Und die Schauspieler sind brillant.» Der Landbote

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