In der Nähe der grossen Stadt

von Ulrich Woelk | Uraufführung | Regie: Rüdiger Burbach

Theo: Vögelchen, was auch immer dich heute nervt: Es gibt eine Fertigkeit, die ich sehr schätze: Die des Vergessens. Sei lieb und nimm dir ein Beispiel an mir. Alles, was mir nicht passt, habe ich unter der Dusche innerhalb von wenigen Minuten aufs Virtuoseste vergessen. Nur deswegen geht’s mir gut. Das ist mein Credo: Erinnern ist eine Technik, Vergessen eine Kunst.
Jette: Das ist ein zitabler Satz, Papa. Für diesen Satz verzeihe ich dir eine Menge. Könntest du ihn mir schenken?
Theo: Na, wer sagt’s denn? Das ist mein Vögelchen! Ich schenke dir jeden Satz, den du willst. Philipp, komm her. Dieses Wochenende wird ein sensationeller Erfolg. Jette hat Kurs auf den Nobelpreis genommen. Du hast geheiratet. Und ich werde morgen sechzig. Ab jetzt wird gefeiert. Wollen wir doch mal ehrlich sein: Es wagt ja keiner auszusprechen, aber in Wirklichkeit ist das Leben fantastisch! 
 

Eine Familiengeschichte: Theo Maler, Chirurg, kann seit Jahren aufgrund eines mysteriösen Unfalls, bei dem er seine rechte Hand verletzte, nicht mehr praktizieren. Er hat sich seinem Schicksal ergeben und erfreut sich des Frührentnerdaseins und vor allem des reichlichen Genusses von Alkohol. Jetzt steht sein 60. Geburtstag bevor. Mit seiner Frau Vera, die für die Familie ihren Beruf als Schauspielerin an den Nagel gehängt hat, lebt er seit einigen Jahrzehnten in einem grosszügigen Haus auf dem Land, in der Nähe der grossen Stadt. Am Vortag des grossen Festes kommt die Familie zusammen: Tochter Jette, eine preisgekrönte Schriftstellerin mit Hang zum Absinth, und Sohn Philipp, der wie sein Vater Arzt geworden ist. Zur Überraschung aller hat Philipp geheiratet und bringt seine frisch gebackene Ehefrau Yvi mit. Dazu gesellen sich der ungelenke Nachbar Falk, ein zu Geld gekommener Computerspezialist mit Schwerpunkt Schweinemast, der heimlich Jette liebt, sowie die kuriose Ahnenforscherin Dr. Sieglinde Pretl, die die Familie mit einer überraschenden Entdeckung konfrontiert …

Während Mutter Vera ständig versucht, die Risse zu kitten, und Theo sämtliche Widersprüche ignoriert, brechen immer mehr Lebenslügen auf. «In der Nähe der grossen Stadt» zeigt, was für Familien schon immer gegolten hat: Nichts ist so, wie es scheint. Daran hat sich auch in einer Zeit nichts geändert, in der die klassischen Familienstrukturen zunehmend an Bindungskraft verlieren. So sehr wir auch das Gefühl haben mögen, uns von familiären Abhängigkeiten emanzipiert zu haben: wir entkommen ihnen letztlich nicht. 

Ulrich Woelk hat sein Stück für unser Ensemble geschrieben. Er entwirft eine Familiengeschichte mit Figuren, die uns bekannter vorkommen könnten, als uns lieb ist. Das Stück ist Komödie und Tragödie zugleich, zeigt ein schillerndes Kaleidoskop von Menschen, ihre Sorgen und Nöte, ihre Glücksmomente und vor allem ihre massiven Schwierigkeiten mit der Wahrheit.  

Ulrich Woelk, Jahrgang 1960, studierte Physik und Philosophie in Tübingen. 1991 Promotion in Physik an der Technischen Universität Berlin. Sein erster Roman, «Freigang», erschien 1990 im S. Fischer Verlag und wurde mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Von 1988 bis 1995 arbeitete Ulrich Woelk als Astrophysiker an der TU Berlin. Sein erstes Theaterstück, «Tod Liebe Verklärung», wurde 1993 am Schauspielhaus Köln uraufgeführt. Seit 1995 lebt Ulrich Woelk als freier Schriftsteller in Berlin. Sein Roman «Die letzte Vorstellung», erschienen 2002 beim Hoffmann & Campe Verlag, wurde von Matti Geschonneck mit Heino Ferch und Nadja Uhl in den Hauptrollen verfilmt und mit dem Preis der Kritik beim Filmfestival in Hamburg sowie dem Preis in der Kategorie Drama beim New-York-Festival ausgezeichnet. Für sein Werk wurde Ulrich Woelk 2005 mit dem Thomas-Valentin-Preis ausgezeichnet. Seine Bücher und Essays sind in viele Sprachen übersetzt, unter anderem ins Chinesische, Französische, Englische oder Polnische. 

Dieses Familiendrama inszeniert der künstlerische Leiter Rüdiger Burbach, der in der Spielzeit 2010/2011 «Fluchtwege» und «Frohe Feste» am Theater Kanton Zürich herausbrachte.

Regie: Rüdiger Burbach

Bühne und Kostüme: Dieter Richter

Es spielen: Vera Bommer (Jette) Katharina von Bock (Sieglinde Pretl) Stefan Lahr (Theo Maler) Anna-Katharina Müller (Yvi) Suly Röthlisberger (Vera Maler) Andreas Storm (Falk Hinterberg) Brencis Udris (Philipp)

Premiere: 15. September 2011

Spieldauer: ca. 2 1/2 Stunden. Eine Pause.

«Mit der Uraufführung von Ulrich Woelks «In der Nähe der grossen Stadt» startet das Theater Kanton Zürich in Winterthur fulminant in die neue Spielzeit.» Neue Zürcher Zeitung

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